Wie viel Bisphenol A darf es sein?
Dass die Chemikalie Bisphenol A negative Auswirkungen auf ihre Umwelt hat, scheint kaum jemand zu bestreiten. Die Frage ist nur, wie viel Schädlichkeit wollen wir tolerieren?
- Inge WĂĽnnenberg
Im Zweifel für den Angeklagten lautet die Devise – und das scheint auf den ersten Blick auch vollkommen plausibel zu sein. Ein Phänomen indes ist es schon, wie lange es dauert, festzustellen, wie schädlich Bisphenol A (BPA) ist. Dass die 1891 von dem russischen Chemiker Alexander Dianin zum ersten Mal synthetisierte Chemikalie negative Folgen für Mensch und Tier hat, darüber scheint kein Zweifel zu herrschen, wie Susanne Hartwein in der Januarausgabe von Technology Review kommentierte.
Schon seit 1936 ist die östrogenähnliche Wirkung bekannt, die beim Menschen das Hormonsystem beeinträchtigt. Probleme mit der Entwicklung der Geschlechtsorgane und der Fruchtbarkeit oder auch Krebs können daraus resultieren. Ferner kann die Chemikalie, die vor allem in vielen Kunststoffen verarbeitet ist, die Entstehung von Fettleibigkeit begünstigen.
Das dokumentierte jetzt eine in der Zeitschrift Endocrinology veröffentlichte Studie von Alfonso Abizaid, Neurowissenschaftler an der kanadischen Carleton University in Ottawa, und seinem Team. Die Forscher zeigten, dass die Aufnahme von BPA noch vor der Geburt durch die schwangere Mutter bei Mäusen den Schalter im Gehirn für das Sättigungsgefühl unwiderruflich verändern konnte. Nach der Geburt ließ sich dieser Schalter nicht wieder umlegen; die Mäuse wurden fettleibig. Bemerkenswert dabei ist, dass nur kleine Mengen BPA verwendet wurden, die von den Kontrollbehörden – wie etwa der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) – noch als sicher betrachtet werden.
Der Umgang der FDA mit der Chemikalie ist jetzt durch einen Artikel auf der Webseite von Science unter dem Thema "Der Krieg über die Sicherheit von BPA, ein Kampf um die Beweise" in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Es geht um das Ende der Nullerjahre von den US-Behörden National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), dem National Toxicology Program (NTP) sowie der FDA gemeinsam mit zwölf akademischen Forschergruppen ins Leben gerufene BPA-Programm CLARITY (Consortium Linking Academic and Regulatory Insights on BPA Toxicity).
Der Artikel von Warren Cornwall zeigt, wie unterschiedlich die Herangehensweisen der Wissenschaftler-Gruppen sind. Wer hätte vermutet, dass die modernen Methoden der Akademiker den auf ihre Verfahren der "Good Laboratory Practice" festgelegten Behörden so gänzlich fremd sind. Der Science-Autor spricht gar von einem "culture clash", in den die Amerikaner immerhin 30 Millionen Dollar investiert haben.
Allerdings scheint im Ergebnis das Bewusstsein der US-Gesellschaft nun dafür geschärft zu sein, dass neueste Techniken in die Arbeitsweise der Behörden aufgenommen werden sollten. Letztlich aber sei die entscheidende Frage, so schließt auch Cornwall seinen Text mit dem Zitat der Forscherin Tracey Woodruff von der Univerity of Califronia in San Francisco, wie man die Beweise bewerte. Und genau das lässt sich gleichfalls über die europäische Einschätzung der Chemikalie sagen. BPA gilt in Europa als giftg für die menschliche Fortpflanzung: Zu diesem Statement hat man sich durchgerungen. Aber auch hier in der alten Welt steht das letzte Wort, die endgültige Evaluierung noch aus. (inwu)