Klartext: Die Psychologie der Basisaustattung

Blindstopfen oder einfach nicht vorhandene Funktionen trotz Schalter, merkwürdig altertümliche Hardware und Killer-Features nur bei den Top-Versionen mit Extra-Racing: Basisausstattungs-Shaming hat System

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Zum ersten Mal fiel es mir in Audis großem Zentrum für Bedienung auf. An der großen Videowand prangte in 3D der Innenraum eines A3. Ein Knopfdruck schaltete den Innenraum zwischen Ausstattungsvarianten um. „Mein Gott, sieht das so im direkten Kontrast kacke aus!“, rief ich mental aus, als wir in der untersten Basisschublade ankamen: schwarze Leerblenden, die einen Knopf mit toller Funktion versprechen, wenn du nur etwas mehr gelernt hättest in der Schule. Blindschächte, die dich bereuen lassen, nicht mehr Motivations-Hörspiele für Büroangestellte befolgt zu haben. Bildschirme, so weit hinter dem Stand der aktuellen Smartphone-Technik, dass du das Schicksal verfluchst, das dir doch mehr deiner finanzträchtigen Pläne hätte gelingen lassen können. Der größte Downer bleibt jedoch der Vergleich mit der Vollausstattung, die dir irgendwann widerfahren wird. Und ich glaube, das ist alles Absicht.

Am deutlichsten zeigt Ducati diese Absicht. Selbstverständlich kann der Kunde dort die Standardversionen schöner roter Motorräder kaufen. Aber er vermeidet dies unter enormen Kosten. Denn die Staffelung nimmt man in Bologna nicht nach gut – besser vor, sondern eher nach „na, okay“ – „O Gott, ich MUSS dieses Feature haben!“. Irgendein Killer-Feature ist jedes Mal dabei, das neu eingeführt wird und der R-Version vorbehalten bleibt. Wahrscheinlich tut dieses Vorgehen Ducatis Bilanzen gut.

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Aktuelle E-Klasse in der AMG Line. Wenn man dieses Cockpit wie aus dem Raumschiff von Puff Daddy kennt, will man die Einstiegsvarianten einfach nicht mehr haben. (Bild: Daimler)

Dreister als Blindstopfen sind jedoch Blindfunktionen. An der aktuellen Ducati 1200 Multistrada Enduro gibt es einen formschönen Heizgriffschalter. Wenn du da draufdrückst, werden die Finger warm – allerdings nur dann, wenn sich das Fahrzeug durch sehr warme Luft bewegt, denn in der normalen Serienversion sind keine Heizgriffe installiert. Nur der Schalter verspottet den Kunden, der es wagte, ein Reisemotorrad ohne Heizgriffe zu bestellen. Dasselbe stellte ich an KTMs 1050 Adventure im kalten irischen Regen fest: Ja, es gab einen Menüpunkt „Heizgriffe anschalten“. Nein, passieren tat da nichts. Herrn McCallens Motorradverleih hatte die Option nicht gekauft.

Eigentlich dachte ich immer, typische menschliche Relativierung sei der Grund für die Mengen an Geld, die mit der Aufpreisliste verdient werden: „Ach, wenn mein Auto 30.000 Euro kostet, was ist in Relation dazu schon ein Autoradio für 2000 Euro? Her damit! Oh, ein hinterer Scheibenwischer für 700 Euro? Schnäppchen! Gekauft.“ Doch mittlerweile glaube ich, man kauft manche Funktionen nur, damit da nicht so ein hässlicher Leerstopfen prangt. Der deprimiert einen ja immerhin über Jahre. Langjähriger Seelenfrieden darf dann schon ein paar hundert Euro kosten.