Bundeswirtschaftsminister: Deutschland weiter im Gründerfieber

Bei der Preisverleihung des vierten "Gründerwettbewerbs Multimedia" in Berlin wurden 88 Startups ausgezeichnet.

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Der Börsenflaute zum Trotz: Beim diesjährigen Gründerwettbewerb Multimedia, den das VDI/VDE-Technologiezentrum Informationstechnik im brandenburgischen Teltow im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zum vierten Mal durchführte, hatten sich 379 Durchstarter beteiligt. Die Zahlen des Vorjahres, in dem der Börsenboom am größten war, wurden damit leicht übertroffen. Dies zeige, sagte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller am heutigen Mittwoch bei der Preisverleihung im entstehenden Multimediazentrum Backfabrik.de am Prenzlauer Berg, "dass wir in Deutschland trotz der Kurseinbrüche bei jungen Firmen am Neuen Markt ein ungebrochenes Gründerklima haben".

Ausgezeichnet wurden 88 Konzepte. 16 Gründungsideen erhielten einen Geldpreis in Höhe von 20.000 Mark mit der Option auf die Auszahlung von weiteren 40.000 Mark, wenn die Preisträger einen ausführlichen Businessplan einreichen und ihr Unternehmen gegründet haben. Die weiteren 72 Gewinner konnten mit einer Prämie in Höhe von 10.000 Mark nach Hause gehen. Zur Teilnahme am Wettbewerb reicht die Einreichung eines kompakten Strategiepapiers, das von einer unabhängigen Jury aus Wirtschaft und Wissenschaft begutachtet wird.

Die meisten Teilnehmer hatten in diesem Jahr Bereiche wie das mobile Internet und Visualisierungs- und Audioanwendungen übers Netz ins Auge gefasst. Zu den Hauptpreisträgern gehören klassische Internet-Startups genauso wie stärker technologieorientierte Gründer. Die Longhours GmbH aus Hamburg sieht sich beispielsweise als Dienstleister für andere Startups, in denen bekanntlich auch am Abend lange Stunden geschoben werden. "Privat- und Arbeitsleben verschmelzen in der New Economy immer mehr", erklärte Tim Sievers, einer der Mitgründer der Firma. Mit ihrer Softwareplattform will Longhours nun auch kleineren und mittleren Unternehmen die Möglichkeit geben, sich ein schickes Intranet aufzubauen, über das die Mitarbeiter neben Nachrichten auch einzelne Dienstleistungen abrufen können. So können sie dort beispielsweise den Anzug aus der Reinigung holen oder sich Lebensmittel kommen lassen, wenn die Büroschicht mal wieder bis nach 20 Uhr geht.

Andere der ausgezeichneten (Möchtegern-) Gründer wollen mit E-Kreide – einer Multimediatafel für den Präsenz- und Fernunterricht –, "immersiven VR-Systemen für virtuelle Engineering und Marketing", "computergesteuerten Klangvisualisierungen in Echtzeit" oder Methoden der "algebraischen Spracherkennung" in den nächsten Jahren Furore machen. Die Ambitionen der Jungunternehmer in spe sind dabei unterschiedlich. "Wagniskapital? Brauchen wir nicht", sagt Thomas Richter, Mitgründer des Berliner Streaming-Providers Channel Unit, ganz im neuen Trend zur Bescheidenheit. "Wir wollen Sachen machen, die uns selbst Spaß bringen, und die Kontrolle über die Firma behalten."

Größeres schwebt dagegen Guido Brand, dem 27-jährigen Gründer der Firma i-motions vor, die Werbefilme übers Internet präsentieren will. Als Umsatzziel hat er in seiner Prognose für das dritte Jahr nach dem Start der Unternehmung schlappe 80 Millionen Mark anvisiert – mehr als alle anderen Preisträger. "Da muss mir wohl eine Stelle verrutscht sein", grinst der Berliner Student, der gerade für seinen Abschluss in Literatur- und Theaterwissenschaften büffelt. "Aber zehn bis 20 Millionen sind schon realistisch".

Minister Müller zeigte sich angesichts des versammelten Gründer-Elans überzeugt davon, "dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen" und die "Ernüchterung an den Börsen wieder der Zuversicht weichen wird". Den zukünftigen Erfolgsunternehmern gab er aber den Rat mit auf den Weg, "aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen". Seiner Ansicht nach ist der Niedergang vieler Startups auf die "Missachtung" wichtiger aus der Old Economy bekannter Prinzipien wie Kundenorientierung, Eigenkapitalrendite und Cash-Flow zurückzuführen. In der aktuellen Konsolidierungsphase gelte es, die "Dynamik und Innovationskraft einer jungen Generation mit den ökonomischen Stärken klassischer Unternehmen" zur "One Economy" zu verbinden.

Müller freute sich außerdem darüber, dass die Bundesregierung ihr Ziel aus dem Aktionsplan zur Informationsgesellschaft, die Zahl der Multimediafirmen von rund 1.500 in 1998 bis zum Jahresende 2001 zu verdoppeln, "klar erreichen könne". Wie die Evaluierung der bisherigen Gründerwettbewerbe durch das Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) gezeigt habe, seien in den vergangenen drei Jahren bereits 1.000 Firmengründungen initiiert worden. Bemerkenswert sei dabei vor allem, dass die größte Zahl an Gründern aus Unternehmen kommt, während Universitäten an zweiter Stelle rangieren. Müller betonte außerdem, dass den Forschungsergebnissen zufolge Frauen den Schritt in die Selbstständigkeit "wesentlich gründlicher und konsequenter planen und ihre Konzepte zielstrebiger umsetzen" als Männer. "Warum auch nicht?", fragte der Minister zur Erheiterung der Gäste in die Runde. Mit 15 Prozent sei die Beteiligung des weiblichen Geschlechts am Gründerwettbwerb allerdings noch steigerungsfähig. (Stefan Krempl) / (jk)