Zweites Leben in der Ă–komode
Der Gedanke an Mikroplastik in unseren Duschgels und Kosmetika ist befremdlich. Sollte es bei Textilien aus recycelten Plastikflaschen anders sein?
"Kleine Kügelchen aus Mikroplastik werden als eine Art Schleifmittel in Peelings für Gesicht und Körper eingesetzt", das sagte die Ökotoxikologin Carolin Völker im Januar im Gespräch mit TR. Damals hatte eine Greenpeace-Umfrage gezeigt, dass Verbraucher ein Verzicht von Mikroplastik in Pflege-Produkten wie Duschgel und Sonnencreme fordern. Gewissermaßen ein gegenläufiger Trend macht sich in der Textilbranche breit und da ausgerechnet in einer Ecke, in der man ihn nicht unbedingt vermutet hätte – im Bereich der Ökomode. Laut eines Artikels in der taz – die tageszeitung gibt es eine Tendenz bei Herstellern von ökologisch-zertifizierter Kleidung, anteilig auf Polyesterfasern zu setzen, die aus recycelten Plastikflaschen gewonnen wurden. Mit dem Standard GOTS (Global Organic Textile Standard) ist das vereinbar. Ein Kunststoffanteil von 30 Prozent in zertifizierter Kleidung sei erlaubt.
Für Designer ist es sicherlich immer spannend mit neuen Materialien zu experimentieren. Die wiederverwerteten Plastikfasern sollen Kleidungsstücke leichter machen und länger in Form halten – als wenn ausschließlich natürliche Fasern aus Baumwolle, Wolle oder Leinen verwendet werden. So wirbt etwa das Social Fashion Label Armedangels auf seiner Homepage mit dem Einsatz von eingeschmolzenen, gereinigten und zu Garn gesponnenen Getränkeflaschen: "Produkte aus recyceltem Plastik sind flauschig, von langer Lebensdauer, atmungsaktiv und sparen Energie."
Zunächst einmal hört sich das recht gut an. Weggeschmissene PET-Flaschen kommen einem neuen Zweck zu Gute. Die Ökobilanz ihrer energieaufwendigen Herstellung kann sich durch das längere Tragen der Kleidung ein wenig verbessern. Es müssen nicht extra Plastikfasern hergestellt werden, um die Textilien anzureichern. Und: Die Gewinnung der recycelten Fasern schneidet in puncto Ressourcenverbrauch von Wasser und Energie besser ab als konventionell erzeugte Baumwolle. Ist doch also eine prima Lösung, oder?
So begrüßenswert der Ansatz ist, dennoch bleiben Bedenken. Die Ökokleidung mit Plastikfasern – ob recycelten Ursprungs oder nicht, spielt da keine Rolle – sondert bei jedem Waschgang Plastikpartikel ins Wasser und damit in die Umwelt ab. Damit steht man letztlich wieder vor dem Dilemma, dass Plastikmüll in den Ozeanen landet, nur eben durch die Verwertung als Kleidung ein paar Jahre hinausgezögert. Außerdem ist die Kleidung selbst nicht mehr wiederzuverwerten. Alles in allem klingen die Fasern aus recycelten Plastikflaschen daher eher nach einer Scheinlösung.
(jle)