Musikmesse Frankfurt: Sounds, Lärm, Musik - oder: neues vom digitalen Musizieren

Die Musikmesse Frankfurt weist zwar Krisensymptome auf, aber ein Besuch lohnte sich. Wir zeigen Funde eines Rundgangs.

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Musikmesse Frankfurt: Spannende Produkte trotz Ausstellerflaute

(Bild: heise online / Kai Schwirzke)

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Inhaltsverzeichnis

Die Musikmesse Frankfurt hat zu kämpfen: Die räumliche Trennung von der gleichzeitig stattfindenden Prolight & Sound nervt Aussteller wie Besucher, auch fehlen zukunftsweisende Konzepte. Ein Besuch lohnte in diesem Jahr dennoch.

So zeigte die Firma Zynaptiq Wormhole, einen Harmonizer in Plug-in-Form. Solche Geräte nutzen Tonhöhenverschiebungen, um beispielsweise einstimmige in mehrstimmige Signale zu verwandeln. Auch subtile Effekte wie Chorus lassen sich erzeugen. Wormhole setzt bei der Berechnung auf neuronale Netzwerke und erweitert das Exciter-Konzept um zwei Halleinheiten und einen Warp-Modus, der den Spektralgehalt des Signals umkrempelt. Zwei Delays sorgen zusätzlich für räumliche Tiefe.

So generiert das Plug-in mit wenigen Handgriffen ebenso brachiale Effektsounds wie Roboterstimmen oder ausladende Klanglandschaften. Bei der Vorführung überzeugte besonders das hervorragende Pitch Shifting, das selbst bei extremen Einstellungen über mehrere Oktaven nahezu frei von Artefakten arbeitet. Der Einführungspreis bis Ende April beträgt 149 Euro.

Rundgang über die Musikmesse Frankfurt 2017 (8 Bilder)

Zynaptiqs-CEO Denis Goekdag demonstriert Wormhole.
(Bild: heise online / Kai Schwirzke)

Amptrack Technologies veröffentlichte die DAW Amped Studio. Das Programm läuft wahlweise webbasiert in Chrome oder als native Software. Dabei stehen wichtige Werkzeuge, etwa virtuelle Instrumente oder Loops, online bereit. In der nativen Version lassen sich ebenfalls lokal installierte VST2-Plug-ins laden. Amped Studio ist in der Basisversion kostenlos, für 5 US-Dollar erhält der Käufer Zugriff auf weitere Inhalte und darf Audio lokal im- und exportieren.

SPL stellte Crimson 3 vor. Wie seine Vorgänger vereint das großzügig dimensionierte Desktop-Gehäuse ein USB-Audiointerface (24 Bit, 192 kHz) mit einem Monitorcontroller. Zusätzlich zu den bekannten Features wie vier Aufnahme- und zwei Wiedergabekanäle und MIDI-Interface wurde die vom Kopfhörerverstärker Phonitor bekannte Matrixschaltung integriert. Sie soll per Crosstalk ein lautsprecherähnliches Hörempfinden mit Kopfhörern gestatten. Ebenfalls neu ist das eingebaute Talkback-Mikrofon für die Kommunikation zwischen Tontechniker und Musikern. Der Preis beträgt 770 Euro.

Für diese Summe wechselt auch SPLs Madicon den Besitzer. Mit der kleinen Kiste lassen sich 64 Ein- und ebenso viele Ausgänge vom MADI-Format in USB-Audio umwandeln. Madicon unterstützt die Aufnahme auf USB-Medien, sodass sich beispielsweise 64 Audiokanäle ohne zusätzliche DAW direkt auf Festplatte aufzeichnen lassen. Mit der Mixersoftware lassen sich sechs separate Monitormixe erstellen, die dank FGPA-Unterstüzung nahezu latenzfrei ihre Empfänger erreichen. Madicon erhält seine Betriebsspannung via USB, kann zusätzlich eine analoge Stereosumme ausspielen und arbeitet mit 24 Bit und 192 kHz.

Ferrofish hatte den Pulse 16 im Gepäck. Dabei handelt es sich um einen AD/DA-Wandler im 19-Zoll-Format mit 16 analogen Ein- und 16 analogen Ausgängen. Vier optische ADAT-In/Outs sorgen dafür, dass alle Kanäle auch in einer Auflösung von 24 Bit und 96 kHz zur Verfügung stehen.

Die unkomplizierte Anbindung in ein Dante-Audionetzwerk gestatten die Formatkonverter namens Verto. Verto 32 besitzt vier optische ADAT-I/Os und kann so bis zu 32 Audiokanäle in beide Richtungen konvertieren, beim Verto 64 sind es sogar 64 Kanäle. Verto MX arbeitet hingegen als MADI/Dante-Konverter und bietet prinzipiell dieselbe Leistung wie der Verto 64, unterstützt aber Sampling-Raten bis 192 kHz. Außerdem ist dank MIDI-over-MADI eine MIDI-Verbindung zwischen den Geräten nicht notwendig, um alle Komponenten per Software fernsteuern zu können.

Eine pfiffiges Produkt für mobile Audioaufnahmen präsentierte die kleine österreichische Firma Mikme. In einem robusten Kunststoffgehäuse von etwa der halben Größe einer Jumbo-Zigarettenschachtel sitzt eine einzöllige Großmembran-Mikrofonkapsel, wie sie auch in professionellen Studiomikrofonen anzutreffen ist. Durch die integrierte Elektronik sowie 16 GByte Speicher kann er als Stand-alone-Recorder mit einer Aufnahmezeit von 360 Stunden bei einer Auflösung von 24 Bit und 96 kHz eingesetzt werden.

Mikme beherrscht jedoch auch bidirektionales Streaming und transportiert die Audiodaten auf Tablet oder Smartphone. Ein Musiker kann so beispielsweise gleichzeitig ein Playback hören und dazu eine Gesangsspur aufnehmen. Die Mikme-App für iOS enthält einen Achtspur-Recorder. Vor allem für Videocaster interessant: Das Mikme kann bei Videoaufnahmen mit dem Smartphone als Mikrofon dienen, der Ton landet synchron unter dem Bild. Mikme soll ab Sommer 2017 für 400 Euro erhältlich sein.

Waldorf hatte einen funktionstüchtigen Prototypen ihres brandneuen Hybridsynthesizers Quantum mitgebracht. Das achtstimmige Instrument besitzt drei Oszillatoren und kombiniert verschiedene digitale Syntheseformen von Wavetable über granular bis virtuell-analog. Zwei analoge Filter lassen sich in den digitalen Audiopfad insertieren, weiterhin gibt es zwei digitale Filter pro Stimme, sechs Hüllkurven und sechs LFOs. Zahlreiche Effekte und ein Arpeggiator komplettieren die Klangerzeugung. Quantum besitzt ein großes Touchdisplay und ist darüber hinaus großzügig mit Bedienelementen ausgestattet, sodass exzessive Doppelbelegungen von Schaltern und Drehreglern vermieden wurden. Quantum soll Ende des Jahres für etwa 3500 Euro zu haben sein.

Synthesizer-Affiçionados mit prall gefüllter Börse können zum "20" greifen. Dieses Instrument basiert auf der Klangerzeugung des Blofeld, spielt aber über highendige DA-Wandler und steckt in einem Gehäuse, das aus massivem Aluminium gefräst wurde. Axel Hartmann designte das gute Stück anlässlich des 20. Geburtstags seiner Firma Designbox. Der auf 20 Exemplare limitierte Synthesizer kostet 20.000 Euro.

Deutlich günstiger sind die beiden USB-Controller-Keyboards aus Arturias neuer Keylab-Essential-Serie. Die Controller sind mit 61 anschlagsdynamischen Tasten, acht hintergrundbeleuchteten (RGB) Pads, neun Fadern sowie Drehreglern und einem zweizeiligen LC-Displays ausgestattet. Dank HUI/MCU-Unterstützung lassen sich die Keyboards in nahezu jede DAW integrieren und eignen sich aufgrund der Class Compliance auch für iOS und Android. Die Controller werden mit einem umfangreichen Software-Paket ausgeliefert und kosten 200 respektive 250 Euro.

Die Tuna Knobs von Pepperdecks sehen aus wie herkömmliche Drehregler, lassen sich aber mit einer kleinen Saugvorrichtung auf dem Display beispielsweise eines iPads befestigen. Da die Knobs, ähnlich einem Stylus, kapazitiv arbeiten, kann man nun durch Drehen an diesem Knopf virtuelle Drehregler am Bildschirm bedienen. Voraussetzung ist allerdings, dass die virtuellen Regler nicht wesentlich kleiner als der Tuna Knob sind. Im Doppelpack kosten die Knobs etwa 25 Euro. (anw)