Sonderbar und wunderbar
In seinem Blog "Notes of Berlin" zeigt der Ex-MĂĽnchner Joab Nist die Metropole als Zettelkasten.
- Peter Glaser
Notes of Berlin gibt es seit 2010. Das Blog versteht sich als eine Hommage an die Notizen, die Berlin tagtäglich im Stadtbild hinterlässt. Es finden sich etwa 3000 von bisher 8000 zugesandten Zettelfotos darin veröffentlicht. Auf der Facebook-Seite, die über 110.000 Follower hat, wird über die "Notes of the Month" abgestimmt.
Neben zwei Zettel-Büchern ("Wellensittich entflogen – Farbe egal" und "Heute geschlossen wegen gestern") gibt es auch "Notes of Berlin – Der Kinofilm", der Geschichten von Begegnungen innerhalb eines Tages in Berlin erzählt, die jeweils von einem solchen Zettel ausgehen. Jeweils ein echter Zettel aus dem Blog löst eine fiktive Episode im Film aus. "Wir wollten keine Dokumentation machen, weil die Zettel so viel Spielraum geben, was da hätte passiert sein können."
Das Blog hat mit den Zetteln angefangen, die in Berlin an Laternenpfosten, in Hausfluren und anderswo aufgehängt werden. Betreiber Joab Nist, 1983 in München geboren, hat einen Bachelor-Abschluss in Kulturwissenschaften und einen Master in Arts & Media Administration. Die Zettel haben sich für ihn zu seinem ganz persönlichen Reiseführer durch die einzelnen Kieze von Berlin entwickelt. Und: "Ich möchte dazu beitragen, mediale Inhalte von bleibendem Wert zu schaffen."
Als Nist von München nach Berlin zog, hatte er anfangs seine Kamera immer dabei und irgendwann diese Zettel hängen gesehen. Für ihn ein Mittel, um die Stadt besser kennenzulernen. "Ich hab die Zettel auch Freunden gezeigt und gespürt, dass nicht nur ich sie sonderbar und wunderbar finde. Später dachte ich: Da hängt so viel, das ich gar nicht alles alleine dokumentieren kann. Da hatte ich den Wunsch, Mitstreiter zu finden." Er hatte vorher noch nie ein Blog gemacht. "Ich bin da sehr laienhaft rangegangen. Dass es ein Blog war, hatte auch damit zu tun, dass ich mit Null Euro eine Seite ins Leben rufen konnte."
Berlin ist fĂĽr diese Zettel einladender als andere Metropolen. Man hat nicht gleich das GefĂĽhl, man dĂĽrfe nirgends etwas drankleben. Offiziell ist es eine Ordnungswidrigkeit. Kostet 15 Euro, wenn man erwischt wird. Aber es wird akzeptiert. "Und Berlin", sagt Nist, "war schon immer eine Stadt, in der sich die Leute kein Blatt vor den Mund nehmen." Der Zettel ist eine Art, ungefragt einen Ort mitzugestalten.
Es gibt Entwicklungen in dieser Zettelkultur. Sie ist von der Werbeindustrie registriert worden. Es werden Zettel gemacht, die täuschend authentisch aussehen, und dann ist es letztlich die Ankündigung einer Restauranteröffnung. Ein beherrschendes Thema in letzter Zeit sind gestiegene Mieten und Gentrifikation. Ob das Großstadtforschung sei, was er betreibt? "Ich glaube, der Blog ist so erfolgreich, weil ich ein Fenster geschaffen habe für diese Alltagskultur. Die Zettel, so wie die Leute sie schreiben und wie sie an die Sache rangehen, das kann man nicht erfinden."
Bei der Auswahl versucht Nist erst einmal drauf zu achten, dass der Zettel kein Fake ist. Dass den nicht jemand geschrieben hat, weil er ihn gepostet sehen will. Und Aktualität ist nicht das Hauptkriterium. Viele Zettel sind zeitlos, zum Beispiel Liebeskummer oder Wut auf den Nachbarn. Sein Lieblingszettel ist ein Wohnungstauschangebot, das fast komplett ohne Worte auskommt und gezeichnet ist. "Man hat sofort das Gefühl: Meine Wohnung, wenn ich mit dieser Person tauschen würde, kommt in gute Hände."
Die Zettel sind etwas ganz Analoges. Sie haben gegenüber dem Internet Vorteile, die sie unverzichtbar machen. Sie sind ein Kiez-Kommunikationsmittel. Man erreicht zwar vielleicht weniger Leute, aber die richtigen. Wenn man Streit mit dem Nachbarn hat, posten man das nicht auf Facebook, sondern schreibt halt einen Zettel. In dieser Größenordnung versagt die digitale Kommunikation.
Viele Zettel sind sehr persönlich. Das Schöne daran ist, dass sie eigentlich nicht für die Öffentlichkeit geschrieben worden sind. Fahrraddiebstahl zum Beispiel – man geht in den Hof, das Fahrrad ist weg und der Frust muss raus. Man ist komplett aufgewühlt, wie nach einem Streit mit seinem Partner. Und schreibt einen Zettel – der sich dann womöglich in dem Blog von Joab Nist wiederfindet. (bsc)