Zeigt her Eure Hände!

Mit smarter Technik wollen Forscher im Krankenhaus die Handhygiene ins Visier nehmen. Dabei geht man das Problem von der falschen Seite an.

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Heute ist zwar nicht der internationale Tag der Handhygiene, dennoch soll es um die manuelle Pflege gehen. In die sprichwörtliche Hand haben das Forscher der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) genommen. In einer Pilotstudie haben sie zwei Krankenhäuser mit Tiefenkameras sowie einer Software mit Algorithmen zum maschinellen Sehen ausgestattet. Die Kameras in Fluren und Krankenzimmern sollten im Blick haben, ob sich das Krankenhauspersonal die Hände desinfiziert. Von den 170 aufgenommenen Personen nutzten nur 30 die Desinfektionsspender richtig.

"Wir versuchen, Licht in die dunklen Ecke des Gesundheitswesens zu bringen. Das Problem zu verstehen, ist nur der erste Schritt", sagt Studienautor Alexandre Alahi dem New Scientist. Es kam ihm und seinen Kollegen vor allem darauf an, die Leistungsfähigkeit und Genauigkeit der Algorithmen hervorzuheben. So hatten sie die Software zunächst mit einem Großteil der Aufnahmen darauf trainiert, Personen zu erkennen, von Raum zu Raum zu verfolgen und ihre Handhygiene zu dokumentieren. Die restlichen Aufnahmen dienten zur Probe aufs Exempel. Es zeigte sich, dass der Algorithmus eine Genauigkeit von 75 Prozent erreichte und erkennen konnte, ob das verfolgte Personal die Desinfektionsspender benutzt hatte. Einen menschlichen Beobachter, der mit einem Clippboard hinter dem Pflegepersonal herläuft und deren Hygieneverhalten notiert, habe das System damit übertumpfen können.

So groß die technische Leistung des Algorithmus auch ist, so zweifelhaft ist doch die Botschaft, die dadurch indirekt entsteht: Nur mit Kameraüberwachung lassen sich effektiv Hygienelücken beim Personal entdecken. Dass die Hygiene und die Nutzung der Desinfektionsmittel im Krankenhaus das A und O sein sollte, steht außer Frage. Einer Studie zufolge, die im Oktober 2016 veröffentlicht wurde und die Krankenhausdaten von 2011 und 2012 in 30 europäischen Ländern gesammelt hat, stecken sich jährlich 2,6 Millionen Europäer im Krankenhaus mit Keimen an. 91.000 Patienten sterben an einer solchen Bakterieninfektion. Angesichts solcher Zahlen sollte die Verhinderung Keime im Krankenhaus weiterzugeben oder sich einzufangen, oberste Priorität haben.

Die Lehre der Installation von Kameras ist dabei aber der falsche Weg. Ganz abgesehen davon, dass eine allgemeine Durchsetzung und Installation von Kameras zur Überwachung des Personals und der Patientenzimmer mit hohen datenschutzrechtlichen Auflagen verbunden sein müsste, so liegt das Problem der mangelnden Hygiene sicher nicht an der Unkenntnis des Personals. Vielmehr dürfte der allseits herrschende Personal- und Zeitmangel die Ursache für das Vorbeigehen am Desinfektionsspender sein. Wenn Patienten versorgt werden wollen und die notwendige medizinische Dokumentation (üblicherweise noch per Hand) gemacht werden muss, tickt im Hintergrund stets die Uhr. Nicht zusätzliche Kameras, sondern zusätzliches Personal könnten hier Abhilfe und die nötigen freien Sekunden für die Hygiene schaffen. Zudem bedeutet die Anschaffung eines solchen Systems aus Kamera und passender Software einen Kostenaufwand. Diese Budget könnte ebenso gut in regelmäßige Schulungen investiert werden, um dem Personal immer wieder die nötigen Prozesse ins Bewusstsein zu rufen. Wie in manch anderen Fällen geht man hier mit der Kameraüberwachung das Problem – wenngleich mit smarter Technik – von falscher Seite an. Ob die alleinige Identifikation der Personen, die sich nicht die Hände desinfizieren, nämlich zu einer Besserung führen, ist damit noch längst nicht gesagt.

(jle)