Studie: Immer mehr Betriebsräte in der IT-Branche

In der IT-Branche wächst einer von Gewerkschaftsseite initiierten Befragung zufolge die Zahl der Betriebsräte – besonders allerdings bei älteren Unternehmen.

vorlesen Druckansicht 54 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.

Die "New Economy", deren Vertreter sich oft als erklärte Feinde des als archaisch empfundenen Gewerkschaftswesens und der klassischen betrieblichen Mitbestimmung exponiert haben, leistet sich in immer stärkerem Maße Betriebsräte. Dem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Düsseldorfer Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge handelt es sich dabei nicht etwa um vernachlässigbare Einzelfälle, die Bildung der bislang verschmähten Arbeitnehmervertretungen sei auch keineswegs auf Krisenbereiche beschränkt.

So erklärte WSI-Mitarbeiterin Gudrun Trautwein-Kalms, etwa in der IT-Branche, die ja hinsichtlich Umsatz, Gewinn und Beschäftigungsentwicklung überdurchschnittlich positiv eingeschätzt werde, nehme schon seit geraumer Zeit die Zahl der Betriebsräte zu. Dies habe eine aktuelle repräsentative Befragung in der Branche gezeigt, die mehr als die Hälfte aller Betriebsratsgremien in diesem Bereich erfasst habe. Befragt wurden Softwarebetriebe, aber auch gemischte Hard- und Softwarefirmen sowie Unternehmen in den Bereichen Telekommunikation, Multimedia und verwandten Gebieten.

Dabei scheint sich die Entwicklung insbesondere in letzter Zeit zu beschleunigen. Die Hälfte der Betriebsräte sei in den letzten zehn Jahren, ein Drittel erst in den vergangenen fünf Jahren gewählt worden. Allerdings seien nur knapp 20 Prozent der Betriebe mit Betriebsräten ebenso jung. "Das heißt, bislang betriebsratsfreie ältere IT-Betriebe haben hier anscheinend einen recht großen Nachholbedarf", so Trautwein-Kalms. Die Wahlbeteiligung in diesen Betrieben sei der in anderen Branchen vergleichbar.

In über zwei Drittel der Betriebsratsgremien gibt es dem Institut zufolge gewerkschaftlich organisierte Mitglieder. Auch hier zeige sich besonderes Engagement in den jungen Gremien: Während im Schnitt über die Hälfte der IT-Betriebsratsmitglieder gewerkschaftlich organisiert sei, liege der Anteil in den nach 1996 gegründeten Betrieben noch darüber.

Der verstärkte Wunsch neuer IT-Betriebsräte an gemeinsamer Interessenvertretung und Beratung ließe sich auch daran ablesen, dass fast 90 Prozent Kontakte zu einer Gewerkschaft pflegen würden – in der übrigen Privatwirtschaft seien es 10 Prozent weniger. "Wir haben keine Angaben über die Gesamtzahl betriebsratsfähiger Betriebe in der IT-Branche. Aber wir vermuten, dass das Potential für weitere Neugründungen von Betriebsräten noch beträchtlich ist", so Trautwein-Kalms. Hindernisse seien nach Einschätzung der Befragten die allgemeine Unkenntnis über die Aufgaben von Betriebsräten sowie die kleinbetriebliche Struktur und die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung (hohe Fluktuation und ständige Reorganisation).

Trotz der dokumentierten Entwicklung habe gut ein Viertel der befragten Arbeitnehmervertreter im übrigen berichtet, dass sich die jeweiligen Arbeitgeber gegen Betriebsratswahlen gestellt und diese zu verhindern gesucht hätten. (psz)