Klartext: Spaghettipflicht jetzt!

Wenn wir etwas wollen, dann schauen wir sinnvollerweise, wie wir das am schlauesten erreichen. Nur nicht bei Autos. Da schauen wir, dass wir eine Technik durchprügeln statt nach Anforderung und Ergebnis

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Klartext
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In jedem Hype-Cycle kommt der Punkt, an dem eine Technik ein großer Scheiß ist, der sich nie durchsetzen wird, das kann doch jeder sehen rhabarberrhabarber. Üblicherweise liegt dieser Punkt nahe bei der Markteinführung. Artikel des Themas "taugt alles nix" erscheinen dann in Häufung. Ich gehe aktuell davon aus, dass wir einen zweiten kleinen Elektroautohype erleben, aus Gründen des unendlichen Dieselskandals. Meine Indizien seien unter anderem Artikel der genannten Klasse, die sich lesen wie vor fünf Jahren zum ersten Elektrohype oder wie zur Marktdurchdringung günstiger Navis vor etwa zehn Jahren. Was plagt die autofahrende Volksseele da gerade?

Der Defibrillator des Elektroautohypes war der Wunsch nach einer einfachen Patentlösung für den Dieselaufruhr. "Das Elektroauto ist die Lösung!", riefen da diejenigen, für die ebensoeines funktionierte. Und dann kam nichts mehr. Seitdem diskutieren Staaten (China) oder Städte (London), ab wann man alle Antriebe außer die elektrischen verbieten könnte, auch wenn nach einiger Beratung häufig wieder zurückgerudert wird. Frau Merkel sieht den Diesel mittlerweile wieder als jahrzehntelangen Begleiter. Das Verbotswirrwarr wiederum lässt den Autofahrer glauben, er müsse heute noch ein Elektroauto kaufen, damit er morgen weiterhin zur Arbeit fahren darf.

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Ein elektrischer Kangoo interessiert viele, die mit einem Diesel-Kangoo Dinge ausfahren, der vorzüglich zum restlichen landwirtschaftlichen Betrieb passt. Nur mit der Energie reicht es eben einfach häufig nicht. Dann lieber warten. (Bild: Renault)

Diese virtuell gebotene Eile überlebt den Realitätstest jedoch nicht. Wie gesagt: Vor der Wahl passiert überhaupt nichts. Nach der Wahl passiert erst nach der Einarbeitung etwas, das dann wiederum einige Zeit braucht. Die gegenwärtige Unsicherheit bliebe ja nach einem Kauf bestehen, solange die politische Lage ungeklärt bleibt. Solange das alte Auto noch läuft, wartet der Fahrer die Entwicklungen am besten in Ruhe ab. Daimlers elektrische Limousine lässt weiter auf sich warten. BMW stellt zu diesem Thema erst einmal in Ruhe ein weiteres Modellauto auf die IAA. Wer eine Alternative zu seinem Tesla S sucht, der warte in Ruhe weiter. Schon heute möchte ich aber einen Blick über den Tellerrand werfen von Pendlern und Privatfahrern hin zu Berufskraftfahrern. Deren Welt zeigt, dass es mit einem einfachen Verbot von Verbrennern nicht getan ist.

Immer wieder erreichen uns Anfragen von Betrieben zu elektrischen Lieferfahrzeugen. Da gibt es ein tatsächliches Interesse, wohl auch aus der berechtigten Hoffnung niedriger Wartungskosten. Diese Frager müssen meistens enttäuscht abziehen, weil die aktuellen Reichweiten von Renaults Kangoo ZE, des Streetscooters und anderer Transporter mit E-Antrieb nicht ausreichen für ihren Alltag. Es gibt eben nicht nur die Paketauslieferung im Ballungsraum, für die der Kangoo reicht. Manche müssen ihre Waren überland transportierten und kommen auf deutlich über 200 km am Tag, schwer beladen. Nur PSA und Nissan bieten Schnellladung an, damit eine Mittagsladung mehr Kundenbedürfnisse abdecken könnte. Dort halt nur mit Chademo-Stecker, die bisher und in Zukunft in Europa einfach seltener sind als CCS. Da würde ich auch erst einmal beim Verbrenner bleiben, um meinen Spitzkohl auszuliefern.