Die Weltkamera

Ein Schweizer Fotograf benutzt anstelle eines Fotoapparats Webcams auf allen Kontinenten.

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Von
  • Peter Glaser

1999 brachte Kurt Caviezel das Fotobuch Red Light heraus. Er hatte aus seiner Wohnung im ersten Stock über einer Kreuzung in Zürich in die Autos hineinfotografiert, die an der Ampel hielten. Ihn interessierte, was die Leute in dieser kurzen Pause machen. Später überlegte er, das auch in anderen Städten zu machen, aber es hätte zu viel Zeit und Geld gekostet. Ein Informatiker wies ihn darauf hin, dass es in Amerika Traffic Cams gibt, die Bilder vom Verkehr ins Internet einspeisen. So entdeckte Kurt Caviezel die Welt der Webcams.

Seine Website ist seit nunmehr 17 Jahren in Betrieb und repräsentiert heute ein Gewebe aus mehr als 10.000 handverlesenen Webcams, die Caviezel als eine Art Gesamtkamera nutzt. Er bezeichnet sich scherzhaft als nachhaltigsten Fotografen der Welt, "weil ich überall schon war, ohne Kerosin zu verbrauchen". Er hat, wie er selbst sagt, "allerlei gemacht und allerlei studiert, aber nichts abgeschlossen – das war dann ein Gefäß, in dem ich meine Sachen machen konnte." Anstelle eines Fotoapparats benutzt er seither öffentlich zugängliche Webcams, um Phänomene aus dem modernen globalen Alltag aufzuspüren.

Die verschiedenen Cams findet er mit einem gewissen Spürsinn über Suchmaschinen. Am schwierigsten zu finden sind die privaten Kameras. In jedem neuen Laptop ist heute eine kleine Kamera, die viele abdecken aus Angst, die NSA schaue einem zu. Aber es gibt auch Leute, die streamen sich einfach ins Netz. Einige wollen vielleicht entdeckt werden, andere sind einsam. "Am schönsten", sagt Caviezel, "sind die Kameras, die von ihren Besitzern vergessen werden. Man sieht authentischen Alltag."

Kurt Caviezel ist so etwas wie ein Internet-Ethnologe. Es sei spannend, weltweit kulturelle Unterschiede beobachten zu können. In den letzten Jahren gab es zum Beispiel zunehmend neue Webcams in Brasilien. Viele Leute können sich da jetzt einen Computer leisten und möchten das auch kundtun. Wenn dann eine neue Webcam ans Netz geht, kommen manchmal auch Freunde und Verwandte, und dann wird gefeiert – "Je mehr Zuschauer man hat, desto wilder wird das Fest."

In dem Film "Blow up" entdeckt ein Fotograf zufällig auf einem Foto einen Mord. Ob er auch schon dramatische Zufallsentdeckungen gemacht habe? – Ja. Verkehrsunfälle. Ein Eisenbahnunglück der Räthischen Bahn in Graubünden. Einmal hat er auch einen Lawinenniedergang erwischt, in Wallis. Vorne ein Thermalbad in der Berglandschaft, die Leute lassen sich's gutgehen, und ein Stück hinter ihnen am Hang donnert eine Lawine herunter. Ein absurdes Bild. Aus seinen Fotos alias Screenshots – inzwischen mehr als vier Millionen – stellt der Künstler Serien zusammen, zum Beispiel Menschen von überall auf der Welt, die gähnen. Es sind spezielle Arten der Weltordnung.

Durch den Kameradschungel hat er bestimmte Reiserouten. Es gibt Webcams, die er öfter besucht, weil dort etwas geschieht, das ihn fasziniert. Zum Beispiel eine Kamera auf einer Straßenlaterne, die nicht gut befestigt ist und die über Wochen langsam ihren Kopf senkt, als ob sie selber mal schauen wollte, wer sie eigentlich ist. Oder Bauernhof-Kameras, ein Trend, den er feststellt. Immer mehr Bauern machen ihre Ställe der Öffentlichkeit mittels Webcam zugänglich. Man verspricht sich wohl einen Wettbewerbsvorteil davon, wenn der Kunde sich selbst davon überzeugen kann, dass er glückliche Steaks und glückliche Eier auf den Teller bekommt.

Er durchforstet sein Archiv und wird immer wieder fündig, etwa für eine Serie mit dem Titel Monobloc. Das ist dieser günstige Plastikstuhl, der überall auf der Welt herumsteht. Er möbliert quasi den Blick auf die Weltgegenden. Eine Moschee in Beirut, vollgepackt mit diesen Stühlen. An der Klagemauer in Jerusalem stehen diese Stühle auch. "Das", sagt Caviezel, "hat etwas Verbindendes."

(bsc)