Soziale Netzwerke: Wie nah sind wir uns wirklich?
Netzwerkforscher haben eine Methode entwickelt, mit der sich die Stärke individueller Beziehungen ermitteln lässt.
- TR Online
Das Netzwerk der Verbindungen zwischen Individuen – also ihr soziales Netzwerk – fasziniert Sozialwissenschaftler seit langem. Diese Netzwerke sind weder zuverlässig noch vollständig geordnet. Stattdessen liegen sie in einem mittleren Bereich, in dem Personen mit einzelnen Individuen, die sie gut kennen, stärkere Beziehungen pflegen, während es schwächere Beziehungen zu einer größeren Gruppe von Freunden und Arbeitskollegen gibt. Schließlich existieren auch noch extrem schwache Verbindungen zu einer großen Zahl lockerer Bekanntschaften.
Sozialwissenschaftler messen die Stärke dieser Verbindungen anhand verschiedener Indikatoren – etwa, wie oft ein Mensch einen anderen anruft, ob der Anruf erwidert wird, wie lange das Gespräch dauernd und so weiter. Doch diese Indikatoren lassen sich oft nur schwierig und zeitintensiv messen. Netzwerktheoretiker hätten daher gerne eine bessere Methode, um die Stärke der Verbindungen aus der Struktur des Netzwerks selbst abzulesen.
Ein Team um Heather Mattie von der Harvard University im US-Bundesstaat Massachusetts hat nun eine Methode vorgeschlagen, die diese Aufgabe übernehmen könnte. Sie haben ein spezifisches Muster in den Beziehungen zwischen Individuen nachgewiesen, die die Stärke ihrer Verbindungen offenlegen sollen. Das Muster bildet eine topologische Struktur, die an eine Fliege ("The Social Bow Tie") erinnert.
In ihrer Studie untersuchten Mattie und ihr Team die Stärke der Verbindungen in zwei sozialen Netzwerken aus verschiedenen Bereichen. Das erste war ein Netzwerk aus Verbindungen zwischen fast 70.000 Menschen in 75 ländlichen Dörfern in Indien. Sozialwissenschaftler rekonstruierten das Netzwerk mit Hilfe von Befragungen, um relevante soziale Informationen zu sammeln. Erfahren wurde dabei unter anderem, welche Freunde und Verwandte das Haus des Befragten besuchen, von welchen Personen der Befragte Geld leihen würde, von wem er medizinische Ratschläge erhält oder mit wem er den Tempel besucht.
So ergab sich ein soziales Netzwerk aus 37.000 Knotenpunkten zwischen 17.000 Personen, von denen komplette Datensätze verfügbar waren. Sie nutzten die Zahl der sozialen Verbindungen aus den Umfragen dann als Indikator ihrer Stärke zwischen den Personen. Wenn zwei Befragte verwandt waren und sich in ihrem jeweiligen Haus besuchten, zusammen zum Tempel gingen und sich Geld liehen, trug dies jeweils zur Verbindungsqualität bei.
Mattie und ihr Team bauten außerdem das soziale Netzwerk zwischen Mobilfunkbenutzern eines nicht näher bezeichneten europäischen Landes auf. Weil es so groß war, wurden 500.000 Menschen zufällig ausgewählt und es dann anhand der Anzahl und Länge der Anrufe zwischen ihnen aufgebaut. Waren Anrufe länger oder wurden sie erwidert, galt die Verbindung als stärker.
Als nächstes wurde die Struktur beider Netzwerke untersucht. Für jedes Paar von Individuen wurde das Freundesnetzwerk aufgebaut, dass sie gemeinsam hatten sowie das Freundesnetzwerk, das sich unterschied. Diese Struktur sieht wiederum wie eine Fliege aus. Anschließend wurden diese "Fliegen"-Netzwerke analysiert.
Die Ergebnisse waren spannend. Das Team fand heraus, dass die Anzahl der Freunde, die ein Individuenpaar gemeinsam hatten, deutlich mit der Stärke ihrer Beziehung untereinander korrelierte, wie sie sich auch mit anderen Methoden ermitteln ließ. Dabei war egal, ob es sich um die Dorfbevölkerung in Indien oder um die Mobilfunknutzer in Europa handelte.
Die Studie legt nahe, dass frühe Forschungsarbeiten aus dem Bereich der sozialen Netzwerke korrekt sind. Elizabeth Bott, eine einflussreiche Anthropologin, schrieb 1957 das Buch "Family and Social Networks". Darin stellte sie die Hypothese auf, dass der Grad des Clusterings in im Netzwerk eines Individuums dazu führt, dass Beziehungen zu anderen Gruppen schwächer werden. Je enger man Teil einer Gruppe ist, desto weniger stark sind die Verbindungen außerhalb der Gruppe.
Mark Granovetter, ein amerikanicher Soziologe, schrieb 1969 außerdem das sehr einflussreiche Paper mit dem Titel "The Strength of Weak Ties". Darin legte er nahe, dass Menschen, die eng miteinander verbunden sind, auch größere Teile ihrer Freunde gemeinsam haben. Der "Social Bow Tie" bildet beide Ideen ab. "Unsere beide Datensätze legen nahe, dass die Weak-Ties-Hypothese und die Bott-Hypothese korrekt sein könnten."
Das hat interessante Auswirkungen. So könnte man künftig die Stärke der Beziehungen zwischen Individuen anhand der Struktur ihrer sozialen Netzwerke festmachen. "Die lokale Struktur erlaubt eine Analyse, die sich für Netzwerke jeder Größe berechnen lässt", so Mattie. Die Originalhypothese von Bott, die auf Verheiratete und Familien ausgerichtet war, könnte so ebenfalls getestet werden. Soziale Netzwerke verraten also offenbar mehr über Menschen, als ihnen womöglich lieb ist. ()