Keine Gnade für Energy-Drinks
Der britische Fernsehkoch Jamie Oliver hat bereits dem Schulessen und den süßen Limos den Kampf angesagt. Nun versucht er, Kinder und Jugendliche vor Energy-Drinks zu schützen.
- Inge Wünnenberg
Energy-Drinks sind alles andere als harmlose Limonaden. Das hat etwa der Tod eines amerikanischen Teenagers gezeigt, der im vorigen Frühjahr unerwartet nach dem Genuss von drei koffeinhaltigen Getränken an Herzproblemen starb. Der Fernsehsender CNN berichtete darüber. Auch in Finnland landen laut der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Yle immer mehr Minderjährige durch den Genuss von Energy-Drinks im Krankenhaus. Evira, die finnische Behörde für Lebensmittelsicherheit, empfiehlt etwa, dass der tägliche Koffein-Konsum von Kindern unter 18 Jahren nicht mehr als 50 Milligramm betragen sollte. Doch allein eine Halb-Liter-Dose eines Energy-Drinks enthalte bereits 160 Milligramm.
In Großbritannien hat nun Anfang des Jahres der prominente britische Koch Jamie Oliver eine Kampagne gegen die Energy-Drinks gestartet, die seiner Meinung nach #NotForChildren sind. Oliver, selbst Vater von fünf Kindern, hat sich in der Vergangenheit bereits für besseres Essen in den Schulkantinen eingesetzt. Außerdem unterstützte der Brite die Steuer auf zuckerhaltige Getränke, die auf der Insel ab diesem April in Kraft tritt.
Auf Olivers Webseite erläutert Laura Matthews, die Leiterin seines Ernährungsteams, den Hintergrund der Kampagne: Es sei bekannt, dass 69 Prozent aller 10- bis 18-Jährigen in Großbritannien Energy-Drinks konsumierten. Erschreckende 13 Prozent behaupten Matthews zufolge, einen ganzen Liter oder mehr auf einmal zu trinken. "Das ist in etwa so, wie wenn ein erwachsener Mann 12 Espressos auf einmal trinkt", vergleicht Matthews. Neben dem Koffein ist es unter anderem der Zucker, der Oliver und seinem Team Sorgen bereitet: "Regelmäßig koffeinhaltige, gezuckerte Getränke zu sich zu nehmen, kann auch ernährungsbedingte Krankheiten und Schäden an den Zähnen verursachen."
Forscher der Weltgesundheitsorganisation WHO verwiesen 2014 in einer Veröffentlichung auf eine Reihe von Symptomen, die mit einem hohen Koffeinkonsum in Verbindung gebracht werden wie Herzklopfen, Bluthochdruck, Übelkeit, Erbrechen, Krämpfe und bei extremen Mengen auch der Tod. Das Magazin "New Scientist" verweist auf weitere US-Studien, die Energy-Drinks darüber hinaus bescheinigen, ein äußerst risikobereites Verhalten zu verursachen.
Eine jetzt im Januar auf der Plattform "cmaj open" veröffentlichte Untersuchung ging ebenfalls dezidiert den negativen gesundheitlichen Begleiterscheinungen der umstrittenen Getränke nach. An der von David Hammond, Professor an der School of Public Health an der kanadischen University of Waterloo, geleiteten Studie hatten sich 2055 Kanadier zwischen 12 und 24 Jahren beteiligt. 55,4 Prozent aller Teilnehmer, die jemals einen Energy-Drink konsumiert hatten, gaben an, mindestens eine negative Auswirkung auf ihre Gesundheit erfahren zu haben: Unter den beobachteten Effekten waren Herzrasen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit / Erbrechen / Durchfall, Brustschmerzen sowie Krämpfe. 3,1 Prozent der Konsumenten haben sogar einen Arzt konsultiert oder zumindest medizinische Hilfe in Erwägung gezogen.
Hammond folgert daraus, dass "diese Produkte ein größeres Gesundheitsrisiko darstellen" als Kaffee. Das könne daran liegen, dass andere Bestandteile enthalten seien – oder daran, wie diese Getränke konsumiert würden, etwa mit Alkohol oder unter physischer Belastung, so der kanadische Forscher. Auch Marcie Schneider, Ko-Autorin einer 2011 veröffentlichten Studie der American Academy of Pediatrics, verweist dem "New Scientist" zufolge auf die Inhaltsstoffe jenseits des Koffeins in den Energy-Drinks, zum Beispiel Taurin. Sie schließt daraus, dass Energy-Drinks "nicht angemessen für Kinder und Heranwachsende sind – und unter keinen Umständen von ihnen konsumiert werden sollten".
Das sind deutliche Worte. Immerhin haben in Großbritannien die erste Supermarktketten reagiert und angekündigt, keine der stark koffeinhaltigen Getränke mehr an Jugendliche unter 16 Jahren zu verkaufen. Ein Erfolg für das Kampagnenteam. Auch die britische Politik hat sich bereits des Themas angenommen. Für Jamie Oliver ist eine gesetzliche Regelung denn auch unabdingbar. Sonst würden sich die Jugendlichen in kleineren Läden versorgen, heißt es aus seinem Team.
In Deutschland dagegen ist die Regelung ähnlich wie bisher in Großbritannien. Auch hier tragen Getränke mit einem erhöhten Koffeingehalt den Hinweis, dass sie für Kinder nicht zu empfehlen seien. Vielleicht aber zeitigt die Globalisierung auf diesem Gebiet einmal einen positiven Nebeneffekt. Wenn Aldi UK den Verkauf an Jugendliche reglementieren kann, sollte Aldi in Deutschland das doch auch gelingen.
(inwu)