Die Geburt der Ökobewegung
In den Sechzigern stand DDT in der Kritik wie heute Glyphosat. Anstoß war Rachel Carsons Ökoklassiker "Der stumme Frühling".
- Inge Wünnenberg
Mitte des 20. Jahrhunderts offenbarte sich den Amerikanern eine Welt, in der an vielen Orten Vögel, die Bewohner der Wälder, die Fische in Flüssen und Seen, aber auch Nutztiere und immer wieder Menschen starben. Die Ursache waren großflächig und in ungeheuren Mengen eingesetzte Pestizide, deren Gift entweder direkt wirkte oder sich durch die Nahrungskette arbeitete. Im Kampf gegen den „Japanischen Käfer“ wurden ab 1955 zum Beispiel in Illinois mehrmals bis zu 530 Quadratkilometer vom Flugzeug aus mit Insektenvernichtungsmittel behandelt.
In der Rückschau könnte der Gedanke aufkommen, die Zeit sei damals reif gewesen, diese katastrophalen Auswirkungen zu sehen. Doch es dauerte noch weitere sieben Jahre. 1962 erschien Rachel Carsons Buch „Silent Spring“. Der Band, inzwischen ein Ökoklassiker, richtete das Augenmerk auf die verheerenden Schäden durch Pestizide wie DDT und andere giftige Insektizide.
Welchen Wert die Zusammenschau jener von der Autorin akribisch recherchierten Übergriffe auf die Natur damals für die US-Gesellschaft hatte, zeigt nicht nur die Formierung der Umweltbewegung nach dem Erscheinen des Buchs 1962. Carsons Publikation führte auch dazu, dass nicht nur Präsident John F. Kennedy, sondern auch Kongress und Senat auf die Problematik aufmerksam wurden. Es kam zu einer Gesetzesreform, und 1972 wurde DDT in den USA quasi verboten.
Vieles, was Rachel Carson also in „Silent Spring“ beschreibt, ist heute längst Geschichte. Trotzdem ist die Lektüre selbst 56 Jahre nach dem Erscheinen ungemein spannend. Denn die Biologin verweist unter anderem auf alternative Bekämpfungsmethoden für invasive Insekten. So berichtet sie von gelungenen Aktionen gegen den „Japanischen Käfer“: Er konnte zum Beispiel mit einer extra importierten bakteriellen Krankheit dezimiert werden. Erfolgreich war auch der Einsatz der Rollwespe, einer natürlichen Feindin des Käfers, die ebenfalls ins Land geholt wurde, um das invasive Insekt zu bekämpfen.
Gleichzeitig hat das Buch beinahe prophetische Züge. Carson ist der Zeit weit voraus, wenn sie als biologische Bekämpfungsmaßnahme das Sterilisieren von Insektenmännchen ins Feld führt. Dann sind ihre Zeilen plötzlich hochaktuell.
Rachel Carson: „Der stumme Frühling“, Verlag C. H. Beck, 348 Seiten, 12,95 Euro.
(anwe)