Jetzt mal ehrlich!
Philip Morris will noch einmal ganz neu anfangen: Der Tabakkonzern möchte sich von der Zigarette verabschieden. Sein Geld will er nur noch mit angeblich gesünderen elektronischen Varianten verdienen.
(Bild: Philip Morris)
- Birgit Herden
Zuerst die leichte Unruhe, das Verlangen. Dann der Filter zwischen den Lippen, ein leises Knistern. Die Wärme im Rachen, ein wohliges Gefühl, das sich bis in die Lunge ausbreitet. Mit einem Schlag kehrt Ruhe ein, Entspannung und zugleich angenehme Wachheit, eine Beschleunigung und Schärfung der Gedanken. So schön kann Rauchen sein, wäre da nicht die nagende Gewissheit: Es ist ein Suizid auf Raten.
Rauchroboter mit Schleimhautzellen
Der Rauchroboter im gläsernen Forschungspalast am See von Neuchâtel dagegen verrichtet seinen Dienst ganz ungerührt. Zigarette um Zigarette steckt er per Infrarotlicht an, die Glimmstängel drehen sich auf einem Karussell im Kreis. Leise schnaufend leiten Kolbenpumpen den giftigen Rauch zu einer Apparatur, die unter einem Gewirr von Schläuchen fast verschwindet. Hier trifft der Rauch auf zartes, mit bloßem Auge kaum sichtbares Gewebe, auf Schleimhautzellen, wie sie auch die menschlichen Atemwege auskleiden.
Daneben steht Stefan Frentzel, mit ruhigem Stolz erklärt der Biologe den Versuchsaufbau. Frentzel hat lange für das Pharmaunternehmen Novartis geforscht, jetzt steht er in Diensten des Tabakkonzerns Philip Morris. Im Schweizer Forschungszentrum des Marlboro-Herstellers untersucht er, wie sich der Zigarettenrauch auf menschliche Zellen auswirkt.
Neben dem Rauchroboter befindet sich ein fast identischer Versuchsaufbau. Allerdings drehen sich auf diesem Karussell nicht herkömmliche Zigaretten, sondern elektronische Tabakerhitzer, die den Nikotinabhängigen den ersehnten Kick auch ohne tödliche Nebenwirkungen verschaffen sollen. Der Versuch ist Teil eines aufwendigen Forschungsvorhabens, das eine erstaunliche Ankündigung von CEO André Calantzopoulos wahrmachen soll: den Abschied des Konzerns von der Zigarette.
Philip Morris will rauchfrei werden
Angeblich will der Marlboro- und Chesterfield-Hersteller so schnell wie möglich aus dem Geschäft aussteigen und Alternativen finden. Dazu hat Philip Morris nach eigenen Angaben bereits 4,5 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung sowie den Aufbau neuer Produktionsstätten gesteckt. Das erste Gerät im Portfolio ist der Tabakerhitzer Iqos. Im Pionierland Japan hat das Gerät laut Konzernangaben bereits einen Marktanteil von 16 Prozent bei den Rauchern erobert, seit 2016 ist der Tabakerhitzer auch in Deutschland erhältlich und wird in Großstädten intensiv beworben. Der Slogan: "Das ändert alles."
Aber was ändert sich wirklich? Kann man einem Tabakkonzern, der Jahrzehnte hindurch die Öffentlichkeit über die Wahrheit seiner todbringenden Produkte täuschte, einen Wandel vom Saulus zum Paulus glauben? Schließlich beruht der Erfolg der Marlboro-Zigarette nicht nur auf stimmungsvollen Naturaufnahmen mit Cowboys, sondern auch auf chemischen Tricks.
Eine Behandlung des Tabaks mit Ammoniak machte den Rauch weicher und leichter inhalierbar sowie das enthaltene Nikotin besser verfügbar: ein Erfolgsrezept für die schnelle Abhängigkeit, das andere Hersteller bald kopierten. Lange vor der Öffentlichkeit war den Forschern der Tabakkonzerne bekannt, dass Nikotin süchtig macht und Zigarettenrauch krebserregend ist. Bis zu den erzwungenen Eingeständnissen aber wurde gelogen, getäuscht und getrickst. Heute will Philip Morris den Eindruck erwecken, seine Forschung wäre genauso transparent wie sein gläsernes Forschungszentrum.
Gelogen, getäuscht und getrickst
Natürlich ändert ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 78 Milliarden Dollar nicht über Nacht die Geschäftsstrategie, weil seine Manager ein plötzliches moralisches Einsehen haben. Weltweit versucht der Konzern noch immer mit massiver Lobbyarbeit, strengere Gesetze zur Eindämmung des Rauchens zu verhindern, wie ein Investigativteam der Nachrichtenagentur Reuters anhand interner geleakter Dokumente gezeigt hat.
Der wahre Grund des Wandels ist der Markt. Mit dem Iqos reagiert Philip Morris als Erster der Branche auf die rückläufige Zahl an Rauchern in den westlichen Industriestaaten. Besonders in Ländern wie Großbritannien und Australien, die konsequent nationale Strategien gegen die Tabaklobby durchsetzen, kommen den Zigarettenherstellern die Kunden abhanden. Aber selbst in Deutschland, dem einzigen EU-Land, in dem noch immer Zigarettenwerbung auf Plakaten und im Kino erlaubt ist, schrumpft die Schar der Raucher.
Unter Jugendlichen gilt Rauchen inzwischen als eher uncool. Zudem drängen kleine Hersteller von E-Zigaretten auf den Markt, um den alten Tabakriesen die Kunden abzugraben. Der Druck ist also groß genug, um radikal zu denken. "Iqos ist ein natürlicher kapitalistischer Reflex, Philip Morris möchte damit Märkte zurückerobern", sagt Heino Stöver, Sozialwissenschaftler und Suchtforscher an der Frankfurt University of Applied Sciences. Und plötzlich werden Gesundheitsrisiken, die Philip Morris jahrzehntelang geleugnet hat, zur strategischen Stütze.