Internet: Desillusionierte Gläubige

Viele Jahre über stritten Optimisten und Pessimisten über die wahre Bedeutung des Internet. Zuletzt schienen die Pessimisten Recht zu bekommen, doch die wahren Gläubigen geben noch nicht auf.

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Desillusionierte Gläubige
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Tim Hwang
Inhaltsverzeichnis

Hwang ist Direktor der Ethics and Governance of AI Initiative, einem Gemeinschaftsprojekt von MIT Media Lab und dem Berkman Klein Center der Harvard University.

Vor langer Zeit, in der schlechten alten Zeit der 2000er Jahre, wurden Diskussionen ĂĽber das Internet von zwei wichtigen Gruppen dominiert: den Optimisten und den Pessimisten.

„Das Internet dient grundlegend der Demokratisierung“, sagten die Optimisten. „Es stärkt Menschen und selbst organisierte Gemeinschaften gegenüber dem sterbenden Establishment.“ Dagegen die Pessimisten: „Falsch! Es ermöglicht Überwachung und Kontrolle. Es dient nur dazu, Regierungen, riesigen Unternehmen und gelegentlich zügellosen, zerstörerischen Mobs mehr Macht zu geben.“

Diese Streitereien hielten lange an und fĂĽhrten nie zu einem Ergebnis.

Doch die Ereignisse des Jahres 2016 schienen den Konsens der Optimisten endgültig zerstört zu haben. Im Zuge der US-Präsidentschaftswahl gerieten lange gehegte Bedenken über das Netz in den Blickpunkt, vom unzureichenden Schutz vor Belästigung bis zu der Anonymität, hinter der sich Teenager-Trolle und russische Geheimdienstler gleichermaßen verstecken können. Selbst Internet-Fans scheinen inzwischen implizit davon auszugehen (ob es nun stimmt oder nicht), dass das Internet die Ursache für viele Probleme ist, von zunehmender politischer Polarisierung bis zur massenhaften Verbreitung von Desinformation.

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All das hat eine neue Gruppe entstehen lassen: die deprimierten früheren Optimisten (DFO). Wie Yuri Slezkine in seinem Buch The House of Government wunderbar argumentiert, gibt es einen Prozess, der bei Gläubigen überall einsetzt, von christlichen Sekten bis zu den Eliten der russischen Revolution, wenn sich eine Vision unerwartet verzögert. Ideologen müssen dann eine Theorie hervorbringen, die erklärt, warum die prognostizierten Ereignisse nicht eingetreten sind. Sie müssen ihren anhaltenden Glauben an die Möglichkeit von etwas Besserem rechtfertigen.

Unter den DFOs führt dieser Prozess zu einem Mini-Boom unterschiedlicher Cliquen mit unterschiedlichen Ansichten darüber, was beim Internet falschgelaufen ist. Ich selbst würde mich als einen ängstlichen DFO bezeichnen, und ich habe diese unterschiedlichen Denkrichtungen obsessiv katalogisiert und dabei vier Hauptgruppen identifiziert: die Puristen, die Desillusionierten, die Hoffnungsvollen und die Revisionisten. Diese Positionen schließen sich nicht gegenseitig aus, und bei den meisten DFOs, die ich kenne, sind Elemente aus ihnen allen zu erkennen.

„Das Internet war ein wunderbarer Ort, bevor es von Unternehmen/Kommerzialisierung/etc. korrumpiert wurde.“ Von manchen DFOs ist dergleichen häufig zu hören. Die Puristen sind immer noch streng gläubig – sie halten das „Herz“ der Technologie, wie auch immer es definiert sein soll, für etwas grundlegend Gutes. Die Schuld liegt in dieser Haltung bei anderen Kräften, von denen die Technologie unterwandert und davon abgehalten wurde, ihr volles Versprechen zu erfüllen. Puristen wollen den nächsten Kreuzzug beginnen und sprechen oft darüber, die Blockchain für alles zu benutzen, große Technologie-Unternehmen zu zerschlagen oder der Plage namens Werbung ein Ende zu bereiten.

„In Wirklichkeit war das Internet nie so toll“, wird man manchmal einen DFO zu einem anderen sagen hören, „das wird erst jetzt langsam klar.“ Die Puristen bestehen darauf, dass es das goldene Zeitalter des Internet tatsächlich gegeben hat, die Desillusionierten dagegen glauben, dass das nie wirklich der Fall war. Enge Verwandte von ihnen sind die „ich hab es ja schon immer gesagt“-Leute, ehemalige Optimisten, die zugleich das schöne Gefühl anstreben, behaupten zu können, dass alle anderen jetzt erst erkennen, was sie schon vor Jahren wussten. Häufig kann man beobachten, wie Angehörige dieser beiden Gruppen begeistert soziale Medien nutzen, um ihren Hass auf soziale Medien kundzutun.

Eine mögliche Reaktion auf ein wahrgenommenes lokales Versagen liegt darin, global nach Gründen für Optimismus zu suchen. Das ist die Vorgehensweise der Hoffnungsvollen, die versuchen, die Träume des Internet-Optimismus zu verteidigen, indem sie nach positiven Momenten in der großen weiten Welt des Web suchen. Manche verweisen auf die Massenabwanderung von jungen Menschen von Plattformen wie Facebook oder auf faszinierende Experimente mit digitaler Demokratie in anderen Ländern oder auf die Lebhaftigkeit und Vielfalt der Internet-Kultur allgemein. Für sie sind das Anzeichen, dass bessere Tage noch kommen werden. Die Hoffnungsvollen hegen eine bedingungslose Liebe zu Tumblr, teilten nostalgisch das Video mit der rollenden Zitrone und sammeln merkwürdige Slack-Mitgliedschaften, als würde es bald keine mehr geben.

Viele Optimisten glaubten, dass die Strukturen des Internets selbst – manifestiert in kooperativen Projekten wie Wikis oder Crowdfunding – die gesellschaftliche Entwicklung in die von ihnen bevorzugte Richtung lenken würden. Eine Reaktion auf die Ereignisse 2016 bestand darin, diese Annahme wieder aufzugreifen und zu behaupten, die Grundlagen seien wohl richtig gewesen, aber es sei noch mehr Arbeit erforderlich, um die ursprüngliche Vision zu realisieren. Die Revisionisten wollen mit Veränderungen die frühen Ambitionen des Web erhalten und rufen nach neuen Initiativen, um bessere Gemeinschaften und Systeme für die Online-Gesellschaft zu entwickeln. Sie preisen die Vorteile von strengeren Community-Regeln, Möglichkeiten zur Beeinflussung von Verhalten durch „nudging“-Schnittstellen und die Kraft von nutzerzentriertem Design.

(sma)