Die Gene und die Größe
Mit einem neuen Verfahren wollen Wissenschaftler anhand von DNA Merkmale wie Größe, Intelligenz oder Krankheitsrisiken prognostizieren. Doch die Technologie ist umstritten – nicht nur wegen ihrer Ungenauigkeit.
(Bild: BYU News)
- Antonio Regalado
Bei der Verteilung von Uni-Absolventen für die Basketball-Liga NBA in den USA im Jahr 1993 sorgte Shawn Bradley für Aufsehen. Er kam schon in der ersten Runde zum Zug – unter anderem, weil er 2,29 Meter groß ist.
Das sind 13 Zentimeter mehr als bei Shaquille O'Neal, dem im Jahr zuvor zugeteilten Superstar. Bradley kann den Ring des Basketball-Korbes berühren, ohne zu springen. Jetzt haben sich Forscher seine DNA gesehen und sind der Meinung, sagen zu können, warum er so groß ist.
Laut dem Team von der Brigham Young University liegt bei Bradley keine ungewöhnliche Mutation und auch keine Störung der Hirnanhangsdrüse vor wie bei dem Schauspieler André the Giant. Stattdessen scheint er einfach Glück im Gen-Lotto gehabt und eine Kombination von vollkommen normalen genetischen Variationen geerbt zu haben, die ihn größer macht als 99,99999 Prozent aller Menschen. Man bräuchte also 10 Millionen Personen, um eine zu finden, die größer ist als er.
John Kauwe, Biologe an der Brigham Young University, lernte Bradley auf einem Flug kennen, bei dem er ein Upgrade in die erste Klasse erhielt. Dort sah er, wie der Sportler trotz der extragroßen Sitze unbequem saß. Die beiden kamen ins Gespräch, und als Kauwe sagte, er würde gern seine DNA untersuchen, willigte Bradley ein.
Kauwes Team hatte vor, dafür eine neue Technologie namens polygenetisches Risiko-Scoring einzusetzen. Dabei werden subtile Plus- und Minus-Zeichen im Genom eines Menschen erfasst, auf deren Grundlage sich Prognosen erstellen lassen – zum Beispiel über Größe, die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen oder auch Intelligenz.
Diese Scoring-Systeme sind sowohl neu als auch heiß umstritten. Erst seit wenigen Jahren verfügen Wissenschaftler überhaupt über die riesigen DNA-Datenbanken, mit denen sie die kleinen, aber zahlreichen genetischen Unterschiede ins Visier nehmen können, die Eigenschaften wie die Körpergröße beeinflussen.
Viele Wissenschaftler stehen dem skeptisch gegenüber. Für sie sind derartige Prognosen zu unsicher für eine Nutzung in der Praxis. Denn die neuen Techniken erfassen nicht alle genetischen Hinweise, und nicht alle Eigenschaften sind auf DNA zurückzuführen. Bei den meisten Menschen, die sich ohnehin nahe am Durchschnitt befinden, haben die Prognosen deshalb wenig Bedeutung.
Bei den Extremfällen aber wird die Sache interessant. Aus diesem Grund war auch das Genom von Bradley eine Untersuchung wert. Denn sehr hohe oder sehr niedrige Scores können ein Signal für erhebliche Konsequenzen sein. Beim Vergleich von Bradleys DNA mit der von 1020 anderen Personen wurde er korrekt als die größte prognostiziert.
Ausreißer zu entdecken, kann in der Medizin nützlich sein. Im August zum Beispiel meldeten Bostoner Wissenschaftler, sie seien der Meinung, dass derartige Tests auf das Risiko von Herzerkrankungen vorgenommen werden sollten. Zuvor hatten sie festgestellt, dass bei Personen mit den höchsten Werten in dieser Hinsicht ein besorgniserregend hohes Risiko für Herzinfrakte besteht.
Auch für das Verhalten könnte Extrem-DNA eine Rolle spielen. Manche Psychologen sind der Meinung, dass Eltern ihre Kinder auf Anzeichen für extreme Intelligenz (oder das Gegenteil) untersuchen lassen sollten. Wie für die Größe sind auch für Intelligenz die ererbten Gene von großer Bedeutung.
„Das Potenzial für die Identifizierung von Ausreißern ist mit Sicherheit vorhanden“, erklärte Kauwe per E-Mail. „Wir haben Interesse an verschiedenen extremen Phänotypen – der IQ wäre sehr interessant.“
Nach Angaben von Kauwe sucht sein Team derzeit Menschen mit extremen Scores für das Alzheimer-Risiko. „Wenn wir genetisch herausfinden können, wer zu diesen Extremfällen gehört, können wir damit die Teilnehmer für klinische Studien priorisieren“, erklärt er.
Zu der Frage, ob polygenetisches Scoring benutzt werden sollte, um frühzeitig Elite-Sportler oder -Schüler zu entdecken, will Kauwe sich nicht positionieren. Im Umfeld der Technologie gebe es komplexe „moralische Fragen“, die noch nicht geklärt seien, sagt er nur.
Allerdings sind die genetischen Prognosen von begrenzter Genauigkeit. Bradley wurde zwar korrekt als Ausreißer identifiziert, aber die Prognose für seine Größe lag nicht mal annähernd bei mehr als 2,20 Meter. Und auch darüber, ob er auch über das nötige Talent für Basketball verfügt, lieferte der Test keine Informationen.
(sma)