Das Ausprobierzeitalter
Das Netz kassiert zwar den Begriff "Medien" in der Mehrzahl ein. Aber dafür ist jede Menge Neues möglich, etwa: Wir konfektionieren uns ein Millionenpublikum.
- Peter Glaser
Milliarden Bilder warten auf Fotoplattformen, Millionen Artikel allein in der Wikipedia. Hunderte Millionen Clips auf YouTube warten darauf, Menschen glücklich, ja, klicklich zu machen. Und sie warten nicht einfach nur darauf, gelesen oder gesehen zu werden wie einst Fernsehsendungen. Sondern kommentiert, parodiert, remixed zu werden. Sie warten darauf, weitergemacht zu werden. Kann jetzt jeder, der möchte. Dazu sollte man inzwischen aber auch sagen: ...und der das Talent dazu hat. Jeder kann alles ausprobieren – wir leben im Ausprobierzeitalter, einer großartigen Zeit –, aber nicht jeder kann alles.
Das Netz jedenfalls hat die vormals passiven Medienkonsumenten aktiv gemacht wie aufgeregte Ameisen – freiwillig und mit oft erstaunlichem Enthusiasmus. Warum? Weil es geht. Weil einem Computer plus Internet die Möglichkeit geben, etwas zu tun. Weil man im Netz nicht mehr nur laut/leise/hell/dunkel justieren kann, wie einst am Fernseher. Im Internet lassen sich nun mit der selben Freude Dinge produzieren und mit anderen teilen, mit der man zuvor bloß konsumiert hat. Wenn man mit jemandem einen Apfel teilt, hat jeder einen halben Apfel. Teilt man Inhalte des Mediums, hat jeder nach wie vor das ganze Ding.
Die Communities, die dabei entstehen, und das Gemeinschaftsgefühl, das aus ihnen hervorgeht, hat einen Rang, der immer noch unterschätzt wird. Nicht so allerdings von denen, die in dieser neuen Medienmitte so selbstverständlich leben wie Julien Bam. Anfang 2012 lud der Aachener Autodidakt sein erstes Video auf Youtube hoch. Er ist Breakdancer und hat sich Foto- und Filmtechnik selbst angeeignet. Inzwischen hat er mehr als fünf Millionen Fans und sein eigenes Haarspray rausgebracht.
Auch das ist neu: Wir lassen uns von unserem immer feiner verzweigten Medium nicht mehr nur beliefern, wir leben in ihm. Es ist ein Unterschied, ob Fanpost in einer PR-Abteilung landet, die routiniert auf Vorrat signierte Autogrammkarten verschickt oder ob man das Gefühl hat, selbst Prominenzpartikel zum Ruhm seiner favorisierten Youtuber beigetragen zu haben. Auch das ist neu: Dass man sich sein Publikum selbst einladen kann. Weil man supersüß ist. Weil man die singende Säge spielen kann. Womit auch immer.
So ein Publikum aber ist hochempfindlich und unberechenbar wie ein Tiefseelebewesen. Es möchte ständig überrascht, betört und ergriffen werden, umsorgt wie ein Riesentamagotchi. Es möchte klicklich gemacht werden – und Julien Bam gehört zu der neuen Generation von Kulturschaffenden, die ein Gefühl dafür haben, wie das geht. Er weiß, was sich gehört und dankte seinen Abonnenten, nachdem sie vier Millionen Exemplare stark geworden waren, mit einer Kurzfassung seines Werdegangs – getanzt, gemalt, gebaut und intoniert von einer wunderbar gemischten Truppe.
"Wie es weitergehen wird, weiß ich noch nicht", schreibt er dazu, "aber ich bin gespannt, diesen Weg mit euch zu gehen!" Der Respekt, den er seiner Anhängerschaft entgegenbringt, erinnert an die altägyptische Hieroglyphe für die Million: Sie stellt einen Mann dar, der auf die Knie gesunken ist und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Wow!
(bsc)