Vom Meister Eder zum virtuellen Schreiner
Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks lässt die Nutzung des Internets durch die deutschen Handwerker noch zu wünschen übrig.
Bis vor gut einem Jahr werkelten vier Schreinermeister aus Baden-Württemberg noch vor sich hin. Über das Internet schlossen sie sich dann zur einer "virtuellen Schreinerei" zusammen und tauschen seitdem technisches Wissen und Erfahrungen aus, haben Bauteile und Produktionsverfahren aufeinander abgestimmt. "Was dann kam, hätten wir uns in unseren kühnsten Fantasien nicht träumen lassen", sagt Schreinermeister Werner Mohr aus Heidelberg. Die Kosten bei Einkauf und Entwicklung sanken drastisch, neue Kunden meldeten sich. Auf der 53. Internationalen Handwerksmesse (8.-14. 3.) berichteten Mohr und seine Kollegen von ihren Erfahrungen. Ohne Hightech und neue Ideen hat auch das traditionsreiche Handwerk nach Einschätzung von Branchenexperten kaum eine Zukunft.
Laut einer Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) lässt die Nutzung des Internets durch die deutschen Handwerker allerdings noch zu wünschen übrig. Erst die Hälfte der rund 850.000 Betriebe ist online, nur etwa ein Viertel ist mit einer eigenen Homepage im weltweiten Netz präsent. Der überwiegende Teil der Handwerker nutzt das Datennetz zur Informationsbeschaffung, Kommunikation oder zur Abwicklung von Bankgeschäften. Verkauf, Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen oder die Mitarbeitersuche sind hingegen noch schwach ausgeprägt, berichtete der ZDH bei der Messe.
"Mit dem zugegeben liebenswerten Meister-Eder-Image des Handwerks müssen wir aufräumen", drängt auch der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Heinrich Traublinger. Das Handwerk mit seinen rund sechs Millionen Beschäftigten in Deutschland sei ein dynamischer und flexibler Wirtschaftszweig, zu dem moderne Informations- und Kommunikationstechniken mittlerweile ebenso gehörten wie Hammer und Zollstock. Auf der diesjährigen Handwerksmesse haben die Handwerkskammern und der ZDH-Dachverband deshalb die Nutzung des Internets zu einem der zentralen Themen gemacht.
Die vier "virtuellen Schreinermeister" aus Freiburg, Heidelberg, Furtwangen und Reutlingen sind mit ihrem gemeinsamen Internet-Auftritt www.koncraft.de selbst aktiv geworden. "Die Investition war minimal, aber es war für alle verdammt viel Arbeit", sagt der 43-jährige Mohr. Über ein internes Netzwerk baute sich das Quartett eine zentrale Datenbank mit Entwürfen und standardisierten Bauteilen auf. Spezialisiert haben sich die Schreiner auf ein eigenes Küchenprogramm, erhältlich sind aber auch alle anderen Schreinerarbeiten. "Wir können individuelle Kundenwünsche bedienen und unsere Produktpalette wächst so von Auftrag zu Auftrag."
Auf der Messe präsentieren sich aber auch viele Dienstleister, die Handwerksbetrieben ohne entsprechendes Know-how den Einstieg in die schöne neue Datenwelt erleichtern wollen. Die Münchner guru netservices GmbH beispielsweise kooperiert mit einer Krankenkasse, der Handwerkskammer für München und Oberbayern und der Online-Tochter des Bayerischen Staatsanzeigers, über die öffentliche Aufträge von Kommunen im Internet bekannt gegeben werden. Die verschiedenen Beratungs-, Weiterbildungs- und Informationsangebote bündelt www.guru.de auf einer zentralen Plattform im Netz. Außerdem können Betriebe auch die Gestaltung einer eigenen Homepage in Auftrag geben.
Pünktlich zum Messeauftakt ging auch das Branchenportal www.handwerk.de unter der Federführung des ZDH an den Start. Das Projekt umfasst neben einem Homepage-Baukasten zur Erstellung eines eigenen Web-Auftrittes eine Ausschreibungsdatenbank zur Ermittlung von Aufträgen sowie eine Termin- und Adressverwaltung. Kunden sollen sich so online über freie Termine beim Handwerker ihrer Wahl informieren können. Handwerk zum Anfassen hingegen bietet www.handwerk.com. Auf seiner Homepage will das Unternehmen über ein Jahr hinweg "täglich den spannenden Übergang von einem älteren Unternehmer auf eine in diesem Fall junge Nachfolgerin in Text und Bild protokollieren", sagt Projektleiter Klaus Schultheis - Vorbild ist Big Brother. (Michael Friedrich, dpa) / (klp)