Talentsuche im Erbgut
In China wollen Eltern in der DNA ihrer Kinder forschen, um verborgene Eigenschaften zu entdecken.
(Bild: gopixa/Shutterstock.com)
- Michael Standaert
- Su Dongxia
In Shenzhen müssen sogar Kindergartenkinder pauken. Man kann es an ihren mit Arbeitsmappen beladenen Rucksäcken erkennen, mit denen die Kleinen um acht Uhr morgens durch das Schultor gehen und erst um fünf Uhr nachmittags wieder herauskommen. Viele haben danach auch noch Tanzkurse, Klavierunterricht, Englischnachhilfe und Kung-Fu-Training. Sogar nach dem Abendessen ist noch nicht Schluss. Dann müssen sich die Kinder an die Hausaufgaben machen. Sie haben Glück, wenn sie um zehn Uhr ins Bett kommen.
Aus Angst, dass ihre Kinder hinter ihren Altersgenossen zurückfallen und später schlechtere Chancen haben könnten, lassen chinesische Eltern nichts unversucht, ihrem Nachwuchs einen Vorsprung zu verschaffen. Das geht inzwischen sogar so weit, dass sie sich an Gentest-Unternehmen wenden, die versprechen, sie könnten versteckte Talente von Kindern in deren DNA aufspüren.
In den USA bieten Unternehmen wie Orig3n schon länger "Child Development"-Tests für Gene an, die mit Spracherwerb, Mathematik und dem absoluten Gehör in Verbindung gebracht werden. Aber in China wächst dieser Zweig der Gentechnik-Industrie besonders schnell. Ein Hauptakteur ist die China Bioengineering Technology Group, kurz CBT Gene. Die Klinik liegt im 14. Stock eines Hochhauses in Shenzhen, ihre Räume sind mit glitzernder Goldtapete ausgekleidet. Begonnen hat sie mit plastischer Chirurgie und traditioneller chinesischer Medizin, inzwischen bietet sie auch Talenttests an, die angeblich mehr als 200 genetische Indikatoren einbeziehen. Diese sollen neben möglichen Erbkrankheiten auch Hinweise auf musikalische, mathematische, Lese- und Erinnerungsfähigkeiten geben, körperliche Talente vorhersagen und nicht zuletzt Persönlichkeitsmerkmale wie Schüchternheit, Introversion und Extroversion aufspüren.
Die Geschäfte laufen gut: "Pro Woche wollen ein- bis zweihundert Eltern ihre Kinder testen lassen. Die meisten Eltern wählen den vollständigen Test, um ihre Kinder besser zu verstehen", erzählt ein Vertriebsmitarbeiter. Eine komplette Genomsequenzierung schlägt mit rund 4500 Dollar zu Buche, eine vollständige Testbatterie auf Erbkrankheiten und Talente mit 2500 Dollar. Der einfachste Test mit nur zehn Talentindikatoren kostet nur 160 US-Dollar.
Das Interesse an DNA-Tests fachen Pädagogen an, die mit der Industrie verbandelt sind. So macht etwa Chen Tiecheng, Schulleiter der Xuefa Middle School, viel Werbung für das, was er "Glücksausbildung" nennt. Statt unflexiblem Auswendiglernen, das vielleicht nicht zur Persönlichkeit des Kindes passt, sollen seine angeborenen Talente gefördert werden. Und Gentests würden verraten, welche dies sind. Chen zufolge "bieten die Tests die Möglichkeit, Talente leichter zu finden". Allerdings räumt er ein, dass "die wissenschaftlichen Grundlagen möglicherweise nicht ganz korrekt sind".
"Nicht ganz korrekt" dürfte noch untertrieben sein. Tatsächlich "gibt es bei den meisten dieser genetischen Talenttests keine ausreichenden wissenschaftlichen Beweise", kritisiert Chen Gang, Mitbegründer und Geschäftsführer des Ahnenanalyse-Unternehmens WeGene. "Wir können die komplizierte Beziehung zwischen dem Genom und vielen Merkmalen wie IQ-Wert, Musik und sportlichen Fähigkeiten immer noch nicht erklären." Chen befürchtet deshalb, dass die Talenttests dem Ruf der ganzen Branche schaden könnten.
Jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt. Denn gleichzeitig glaubt Cheng, dass "wir aufgrund der raschen Entwicklung genomischer Techniken und auf KI basierenden Datenanalysemethoden in naher Zukunft ein besseres Verständnis von Talent haben werden". Deshalb hat auch er das Genom seines Sohnes sequenzieren lassen. "Wenn meine Frau und ich Fachartikel über Genomik und Merkmale finden, vergleichen wir sie mit dem Genom unseres Kindes", sagt Chen. "Aber wir werden ihm nicht sagen, dass er seine Interessen passend zu seiner DNA wählen muss." (bsc)