Vorsicht, AutotĂĽr!
Dooring-Unfälle machen im Straßenverkehr nur einen kleinen Teil der Unfälle mit Fahrradfahrern aus. Ein besonderer Handgriff könnte diese Unfallquelle eliminieren.
Ich bin eigentlich kein ängstlicher Mensch. Doch wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, begleitet mich mitunter ein mulmiges Gefühl. Meine größte Angst ist es – abgesehen davon, von abbiegenden Lkw zermalmt zu werden -, in eine plötzlich aufklappende Autotür zu fahren. Radele ich in meiner Heimatstadt Göttingen, die sich mit dem gut ausgebauten Fahrradschnellweg durchaus sehen lassen kann, dann doch mal auf der Straßen an parkenden Autos entlang, male ich mir immer ein Szenario aus: Wie es wohl wäre, wenn sich jetzt, gerade in diesem Augenblick, ein Autofahrer entscheidet auszusteigen und ohne Blick nach hinten die Tür aufreißt? Ich bin zwar nicht in Raketengschwindigkeit unterwegs, dennoch schätze ich meine Chancen, in letzter Sekunde auszuweichen, gegen Null.
"Dooring" lautet die Bezeichung für derlei Unfälle. Sie kommen zwar nicht allzu häufig vor, enden aber umso häufiger mit schweren oder sogar tödlichen Verletzungen. Der ADFC Berlin meldet für das Jahr 2016 von knapp 7500 Fahrradunfällen in Berlin knapp 600 Dooring-Unfälle. Und im Jahr 2017 sind drei Radfahrende in der Hauptstatdt dabei ums Leben gekommen.
Dabei könnte es so einfach sein, diese Art der Unfälle zu vermeiden: ZEIT online berichtete kürzlich über den holländischen Griff. Ganz recht. Natürlich, müssen wir beim Thema Fahrrad und Fahrrad-Sicherheit mal wieder rüber zu unseren Nachbarn in den Niederlanden gucken. Nicht, dass dieser "Trick" hierzulande völlig unbekannt wäre und auch nicht schon, unter anderem vom ADFC Berlin propagiert wurde. Doch die neuerliche Berichterstattung und die muntere Debatte in den Kommentaren warf abermals ein Schlaglicht auf die Situation. Und manchmal hilft es schlicht, die bewährte Methode einfach nochmal ins Bewusstsein zu rufen. Da reihe ich mich hier gern ein.
Der "Trick", die Dooring-Unfälle zu vermeiden, besteht darin, dass Autofahrer die Fahrertür einfach mit der rechten statt der linken Hand öffnen. Durch die Bewegung wandert der Blick ganz automatisch nach hinten über die Schulter. Nicht nur eventuell passierende Radler werden es danken, auch andere Autos, die vorbeifahren. Denn selbst wenn der Fahrer kurz zuvor noch in Rück- und Seitenspiegel geschaut hat, ersetzt das nicht den Schulterblick. In den Niederlanden ist diese Art auszusteigen weit verbreitet. In der Fahrschule gehört sie dazu, wenngleich nicht zur Prüfung selbst. Dennoch ist sie Niederländern offenbar in Fleisch und Blut übergegangen.
Der holländische Griff ist simpel, er beinhaltet keine Technologie, kostet nix und ist ohne Vorkenntnisse umsetzbar. Er beinhaltet keine Technologie, die zum Beispiel im Auto installiert werden muss – wie etwa der ADFC vorschlägt: automatische Blockier-Systeme für Autotüren, wenn ein Radfahrer vorbeifährt. Umso verwunderlicher fand ich die Reaktion des Bundesvorsitzenden der Fahrlehrerverbände, Dieter Quentin. "Der holländische Griff ist sinnvoll, aber ich möchte keine Religion aus ihm machen. Ich finde es unangemessen, so viel Energie in die Herausbildung eines Automatismus zu stecken, wenn jemand sowieso auf den Verkehr achtet", sagt er gegenüber der ZEIT. Umsichtige Autofahrer in den Straßenverkehr zu entlassen, sind ohne Frage das Ziel von Fahrschulen. Doch die investierte "Energie", um den Griff beizubringen, sollte doch den Wirkungs- und Effektgrad aufwiegen.
Sicherlich ist auch eine gute Infrastruktur aus Radwegen unabdingbar, um die Dooring-Unfälle zu vermeiden, worauf auch der ADFC und der Verkehrsclub Deutschland hinweisen. Doch wie lange dauert es wohl bis eine Stadt ein sicheres Radwegenetz vorweisen kann? Der Griff hingegen wirkt sofort. Und auch wenn diese Lösung nur der bekannte Tropfen auf den heißen Stein ist, so ist er doch ein Faktor weniger, um den man sich als Radfahrer im Straßenverkehr sorgen muss.
(jle)