Die virtuelle Substanz

Die Digitalisierung ist längst dominierendes Paradigma – nun passt der Mensch sich dieser dritten Natur an. Ein Blick auf eine Welt in zehn Jahren.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Materialsensibilität ist Standard. Um etwa eine Plastiktüte verwenden zu dürfen, ist ein Zulassungsprozess wie früher für ein Fahrzeug erforderlich. Und die Welt ist massiv digital geworden, auch in dem Sinn, dass sich das zuvor nur Flüchtige, Virtuelle zunehmend in handgreifliche Substanz verwandelt hat. Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter des Automobils gewesen, damals hatten die Menschen sich quasi in Autos verwandelt. Sie hatten beim Gehen auf dem Bürgersteig Rechtsverkehr eingehalten, links überholt, und so fort. Im 21. Jahrhundert passt der Mensch sich den digitalen Gegebenheiten an.

Es ist noch nicht lange her, dass der Cyberspace ein spezifischer Ort war, den man regelmäßig besucht hat und in den man von der altbekannten physischen Welt aus durch Bildschirmfenster hineinschaute. Diese digitale Welt im Inneren der Computer hat sich inzwischen umgestülpt. Sie hat sich nach außen gewendet und die physische Welt kolonialisiert. Das Auto als Modell für den technischen Fortschritt war so einflussreich gewesen, dass das Internet in den ersten Jahren Information Superhighway hieß. Immer mehr Information bewegte sich damals über diese Datenautobahnen und mit ihnen die immer drängendere Frage, wie man sie alle finden, wiederfinden und ordnen konnte. Es ging – und geht – um nichts weniger als eine neue Weltordnung.

Das Suchen ist zur zentralen, sinnstiftenden Methode geworden, durch das Informationsuniversum zu navigieren. Immer mehr Menschen sehen nicht einfach nur Suchmaschinen, eine Suchmaschine, sondern einen Deus ex machina am Werk, den Gott aus der Maschine, der jede menschliche Absicht kennt. Das Suchen wird mit religiöser Inbrunst betrieben. Für Viele geht es gar nicht mehr darum, etwas zu finden, sondern immer nur weiter zu suchen. Ein Hollywood-Produzent, dem eine traumhafte Villa mit Swimmingpool gehörte, ließ sich knapp unter die Wasseroberfläche seines Swimmingpools einen Steg aus Plexiglas bauen und manchmal ging er dann zu seinem Pool und wandelte über dem Wasser. Ein Wunder.

Auf die Frage, wann eigentlich Google zu einer Ikone der Gegenwart geworden sei, erzählte Sergey Brin von jemandem, der angeblich einem Familienmitglied mit einem Herzinfarkt das Leben gerettet hatte, indem er bei Google nachfragte, was zu tun sei, mit anderen Worten: Auch Google vollbringt längst Wunder.

Nun ist die digitale Welt also ausgeschlüpft, und die Menschen versuchen nicht mehr, sich in mechanische Systeme zu verwandeln, sondern in Algorithmen. Entfernungen spielen im aktuellen Entwicklungszustand kaum noch eine Rolle, die Welt wird tatsächlich ein globales Dorf. Immer mehr Tätigkeiten werden aus der Ferne ausgeführt. Putzroboter von Fachkräften im Ausland bedient, die Warenbewirtschaftung von Lagerhäusern in günstige Lohnregionen verlagert. Es sind nicht mehr, wie zu Zeiten des Outsourcing, konkrete Fabriken, in denen billige Arbeitskräfte Dinge produzieren, die man anfassen kann, sondern immer mehr Dienstleistungen, die grenzüberschreitend angeboten werden. Software, die keine menschliche Mitarbeit mehr benötigt, etwa bei der digitalen Übersetzung, die sich so verbessert hat, dass sich die Frage stellt, ob es sich noch lohnt, eine Fremdsprache zu lernen.

Eine bedeutende Rolle in dieser neuesten Stufe der Digitalisierung spielt das Internet der Dinge. Vernetzte Sensoren umgeben uns zahlreich wie Sauerstoffmoleküle, sie sind in autonomen Fahrzeugen und immobilen Lebensumgebungen, in Lebensmitteln, in jeder Schraube und sämtlichen Werkstoffen und produzieren Daten in einem immensen Ausmaß. Der Begriff Datenschutz hat sich gewandelt. Er steht nun für die Suche nach Antworten auf die Frage: Wie schütze ich mich vor Daten?

Künstler benutzen diese Datengebirge als Steinbrüche, um ihr allermodernstes Arbeitsmaterial zu gewinnen. Vom analogen Marmorblock bis zur digitalen Blockchain lässt sich eine interessante Entwicklungslinie ziehen. Die entscheidende Technik stammt bereits aus den Anfängen der Computerei: Kryptografie. Schon lange bevor es öffentliche Debatten über Public-Key-Verschlüsselung gab, konnte man an Bahndämmen und Häuserwänden Graffiti sehen, die dem ungeübten Auge wie verschlungene Ornamente erschienen.

In Wirklichkeit aber waren es lesbare, kunstvoll verschlüsselte Namen und Botschaften – öffentlich ausgebreitet, aber trotzdem nur Eingeweihten zugänglich. Heute gibt es keine Künstler mehr, auch das eine Folge der Digitalisierung. Es gibt nur noch Coder. Sie versuchen, eine Art von Balance zwischen Überinformation und dem Gegenteil von Information herzustellen, dem Geheimnis. Während alles immer ausführlicher und detaillierter kommuniziert und automatische Auskünfte erteilt, verrät die Kunst nichts mehr und bleibt ein Rätsel.

(bsc)