In 12 Schritten zum Digital-Champion
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – der richtige Zeitpunkt zum Einstieg ist: jetzt. Aber viele kleine und mittlere Unternehmen sind ratlos und wissen nicht wie sie es umsetzen sollen. Dieser Beitrag zeigt, wie es gelingt.
Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen gelingt nur im Team. Immer mit dabei sein sollten digitalaffine junge Mitarbeiter – und die Geschäftsleitung.
(Bild: Futurice)
- Bernd Müller
Wie digital ist der deutsche Mittelstand? Die Antwort darauf fällt ambivalent aus. Zwar sehen 55 Prozent der Mittelständler die Digitalisierung als zentrale Herausforderung, gleichzeitig haben 23 Prozent keine Digitalstrategie. So steht es in einer Studie des Branchenverbands Bitkom von 2017. Martin Lundborg bestätigt diesen Befund. Der Experte vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste in Bad Honnef leitet die Begleitforschung des Förderschwerpunkts Mittelstand-Digital, den das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2012 ins Leben gerufen hat, "um dem Mittelstand bei der Digitalisierung unter die Arme zu greifen", wie Lundborg es formuliert. 25 Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren in Deutschland sind im Einsatz, um die Unternehmen für die digitale Zukunft fit zu machen. Sie halten Workshops, begleiten Pilotprojekte und bilden Netzwerke. Lundborg berichtet von Erfolgen, muss aber auch zugeben: "Die Hälfte der Betriebe steckt noch in den Anfängen."
(Bild: BMWi)
Wenig digitalisierte Betriebe überschätzten häufig, wie weit sie bei der Digitalisierung schon seien. Beim Reifegradtest, wie zum Beispiel dem Test des Kompetenzzentrums Kaiserslautern, wird vielen Firmen erst klar, wie wenig digitalisiert sie sind. Da gibt es den Betrieb mit dem Geschäftsführer, der kurz vor der Rente steht und nur auf Altbewährtes setzt. Oder der Betrieb hält sich für zu klein, um die Digitalisierung stemmen zu können. Mittlerweile haben die Kompetenzzentren rund 300 Praxisbeispiele angesammelt, wo es dennoch funktioniert hat. "Kleine und mittlere Unternehmen fangen am liebsten klein an, etwa mit einer Standardlösung, die woanders schon funktioniert", so Lundborg, "danach sehen sie die Vorteile der Digitalisierung im eigenen Betrieb und werden nicht selten zu Digitalisierungsenthusiasten."
Unter den gelungenen Praxisbeispielen sind Unternehmen aus Branchen, die man nicht an vorderster Front bei der Digitalisierung erwarten würde. So nutzt das Textilunternehmen Mattes & Ammann selbstlernende Algorithmen, um daraus Rückschlüsse auf den Zustand ihrer Ware zu ziehen. Die Daten stammen aus Sensoren in Rundstrickmaschinen. Die Starner Musikanlagen GmbH stellt Beschallungstechnik für Konzerte her und hat mit Softwarehilfe ihre Fertigung so umgeplant, dass die Transportwege kürzer und die Produktion effizienter werden. Und der Schreibwarenhersteller Stabilo in Weißenburg hat ein Manufacturing Execution System eingeführt, um die Produktion transparenter zu machen und schneller auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können – wie 2013, als Malbücher für Erwachsene die Nachfrage nach Bunt- und Filzstiften explodieren ließ.
(Bild: Mittelstand digital)
Die Digitalisierung des Mittelstands ist noch eine große Baustelle, da wartet schon die nächste Herausforderung: Künstliche Intelligenz (KI). Laut einer Studie von Mittelstand-Digital sehen die rund 50 befragten KI-Experten großes Potenzial für KI, vor allem in der Logistik (84%) oder im Kundenservice (78%). Cloudbasierte KI-Dienste werden eine große Rolle spielen, etwa um Störungen in der Logistik oder in der Produktion zu verhindern, bevor sie auftreten. Martin Lundborg, der die Erhebung geleitet hat, warnt vor falschen Vorstellungen: "Bei künstlicher Intelligenz geht es für den Mittelstand nicht um superintelligente Roboter, die die Menschen ersetzen. Vielmehr geht es um Unterstützung im digitalen Alltag, wie etwa Vorausschauende Wartung und Fehlererkennung in der Produktion."
Einer, der die Herausforderungen des Mittelstands aus nächster Nähe kennt, ist Johannes Stock. Der Global Head of Design von Futurice, einer finnischen Unternehmensberatung für digitale Innovationen, erlebt immer wieder die gleichen Stolperfallen. So sei das Management von Mittelständlern meist sehr pragmatisch und lösungsorientiert und auf ein bestimmtes Problem fokussiert, das man aus der Welt schaffen wolle. Aber ist das wirklich die Herausforderung, die man lösen möchte? "Meistens nicht", sagt Stock, "die Kunden sind zu schnell im Lösungsmodus, sie sehen nur das Problem und fragen nicht nach dem Potenzial." Dann kommen immer wieder die gleichen Ideen zur Sprache: eine Lösung fürs Wissensmanagement oder eine vermeintlich coole App. "Doch diese Zeiten sind vorbei, heute sind ganzheitliche digitale Lösungen nötig."