Insektenschutz: Das Gegengeschäft
Hans-Dietrich Reckhaus ist Insektizidhersteller. Doch Insekten will er nicht mehr töten, sondern schĂĽtzen und ihnen neuen Lebensraum Âbieten. FrĂĽher von der Konkurrenz dafĂĽr belächelt, nimmt er heute im Markt eine einzigartige Stellung ein.
(Bild: Bodo Ruedi)
- Edda Grabar
An diesem Junitag summen ein paar Hummeln ĂĽber das Dach. Ameisen, Spinnen und Asseln krabbeln unter TotÂholz, wĂĽhlen sich durch die 200 Quadratmeter groĂźe Oase in luftiger Höhe Bielefelds. Um dorthin zu kommen, muss man durch eine Luke klettern. An ihrem Rand sitzt Hans-DietÂrich Reckhaus im Anzug und lässt die langen Beine baumeln. Im Hintergrund donnert der Verkehr der A2 vorbei. "Wir Âhaben auch schon Heuschrecken hier gefunden", erzählt er begeistert. "Aber jetzt blĂĽht hier wenig. Sehen Sie die Risse dort in der Erde? Die Trockenheit vom letzten Sommer hat auch hier ihre Spuren hinterlassen."
Insekten sind Reckhaus’ Schicksal – in jeder Hinsicht. Die ÂAbsonderlichkeit der Situation auf dem Dach wird erst drei ÂStockwerke tiefer klar. Dort nämlich verdient die Reckhaus GmbH & Co. KG ihr Geld – und das bekommt sie eigentlich dafĂĽr, die Artgenossen der Dachbewohner zu vernichten. Der Vater grĂĽndete die Firma, der Sohn machte sie zu einem von Deutschlands fĂĽhrenden Herstellern von Insektenschutzmitteln fĂĽr den Privatgebrauch. In guten Jahren macht er ĂĽber 25 Millionen Euro Umsatz. Seine Sprays, Mottenfallen und Ameisenpulver stehen in nahezu jeder deutschen und schweizerischen Drogerie. Aldi Nord und Aldi SĂĽd zählen ebenso zu seinen Kunden wie der österreichische Hofer, dm und Rossmann – auch wenn der Name Reckhaus auf den jeweiligen Produkten fehlt.
Und doch ist etwas anders an der Reckhaus GmbH. Seit Anfang des Jahres versieht das Unternehmen alle Produkte, die den Firmennamen tragen, mit dem Hinweis "Tötet wertvolle Insekten", ähnlich den Warnungen auf Tabakwaren. Reckhaus begrĂĽnt nicht nur seine eigenen Firmengebäude, sondern berät auch andere Unternehmen, die Biotope fĂĽr Insekten schaffen wollen. Der 55-Jährige hält zudem Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen und initiierte vor zwei Jahren den "Tag der Insekten". Und wer genau hinschaut, findet bei dm und Rossmann einen kleinen stilisierten Käfer auf den Verpackungen: das GĂĽtesiegel „Insect Respect“. Reckhaus hat es ins Leben gerufen, um Unternehmen auszuzeichnen, die sich fĂĽr Insekten engagieren, Âihnen also entweder neuen Lebensraum bieten oder ihre Produktion so umstellen, dass sie Insekten schĂĽtzt. In ÂKanada will sich jetzt eine Gemeinschaft grĂĽnden, die insektenfreundliche Landwirtschaft betreiben möchte – werben will sie mit diesem Siegel. Die Hälfte seiner Arbeitszeit investiert Reckhaus mittlerweile in den Insektenschutz. Wie aber kommt ein Insektizidhersteller dazu?
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