Der "Net-Investor" streicht die Segel
Die Krise der Webwirtschaft fordert ein neues Opfer im Magazinbereich.
Die Homepage des "Net-Investor", eines der ältesten Magazine rund um die Internet-Wirtschaft in Deutschland, trägt Trauer: "Es ist vorbei", klärt die Redaktion die Besucher der Site auf. "Heute streichen wir die Segel und stellen unsere Verlagsaktivitäten ein." Als Grund nennt Chefredakteur Thomas Huber den "konjunkturellen Supergau", der die Werbeeinnahmen gegen Null gedrückt habe. Die kürzlich erschienene August-Nummer des Hefts ist damit auch zugleich die letzte.
Der "Net-Investor" reiht sich mit seinem abrupten Ende ein in die lange Liste an New-Economy-Titeln, die im vergangenen Halbjahr ihr Aus angesichts der Krise des Neuen Marktes und des Vertrauensverlusts bei Investoren verkündeten. Während die Verlage noch vor einem Jahr fast wöchentlich neue Zeitschriften für Hobbybörsianer und Durchstarter auf den Markt brachten, lautet nun das Kommando überall: Rolle rückwärts. Ob "Business 2.0" aus dem Future-Verlag, "e-Business" von der Verlagsgruppe Handelsblatt oder das von der Milchstraße herausgegebene "Net-Business" – alle ereilte in den vergangenen Wochen und Monaten dasselbe Schicksal. Wie lange sich Objekte wie "Cybiz" aus dem Deutschen Fachverlag oder "e-Market" aus dem Europa-Fachpresse-Verlag da noch halten, wissen vermutlich nicht einmal die Chefredakteure. Insgesamt verloren beim bisherigen Shake-out über 100 festangestellte Redakteure ihre Jobs. Da die meisten Mitarbeiter beim "Net-Investor" frei im weniger als 20 Köpfe zählenden Team beschäftigt waren, entfallen dort allerdings lange Kündigungsarien.
Im Gegensatz zu den von großen Häusern während oder bereits nach der Hype-Zeit gestarteten Magazinen hatte sich der "Net-Investor" bereits vor fünf Jahren als eine Mischung aus IT-Handelszeitschrift und gut recherchiertem Wirtschaftsblatt positioniert. Zunächst war das Heft, das Kolumnisten wie den gern als "Internet-Urgestein" bezeichneten Berater Ossi Urchs sowie den New Yorker Autoren Douglas Rushkoff zu Wort kommen ließ, im spartentypischen Vertriebsweg der "Controlled Circulation" an die Leser in den IT- und Vorstandsetagen mittelständischer Firmen sowie die Unternehmensbereichsleiter großer Konzerne gebracht worden. Im vergangenen Jahr hatte das Blatt dann nach einem Relaunch im Magazinformat den Weg an den Kiosk gewagt. Beim Preis von 6,80 Mark pro Ausgabe verkaufte sich der Monatstitel allerdings nicht gut genug, um die Verluste im Anzeigengeschäft aufzufangen.
Der kleine, geradezu familiär geführte Münchner Net-Investor-Verlag, der das Heft herausgab, glaubte trotzdem bis zum Ende an den Verkaufswert von Informationen über das Internet als Wirtschaftsinstrument und an das Segment der Internet-Magazine insgesamt. Huber hatte in seinen Leitartikeln immer wieder betont, dass der Abschwung genauso übertrieben ist wie die Euphorie zuvor. "Bitte wieder lächeln", hatte er die Leser und die Branche noch vor kurzem ermahnt, da sich für die "dramatische Situation" der Internet-Branche keine echten Schuldigen ausmachen ließen und alle – von den Medien bis zu den Risikokapitalgebern – die New Economy gepusht hätten.
Doch der Glaube allein bringt keinen Umsatz, wie die Redaktion nun einsehen musste. So zogen immer mehr Marketingabteilungen in den letzten Wochen ihre Anzeigen zurĂĽck, weil nach dem Scheitern der GroĂźprojekte der anderen Verlage der Markt nicht mehr als "sexy" galt. Auch das kurze Intermezzo von Gruner + Jahr aus Hamburg, der kurzzeitig im vergangenen Jahr 35 Prozent am Net-Investor-Verlag gehalten hatte, brachte die MĂĽnchner nicht wirklich voran. (Stefan Krempl) (jk)