Die TĂĽcken der PR
Wenn aus dem überzeugten Engagement einer Greta Thunberg eine PR-Maschinerie wird, ist die Hetze nicht weit, wie der Segel-Törn über den großen Teich zeigt.
Wir haben ein Problem auf der Erde, das bestreiten wohl nur noch wenige und Greta Thunberg ist zu einer Gallionsfigur des Klimaschutzes geworden. Das Time Magazine hat sie in die Riege der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019 aufgenommen – die Jugendwelle "Fridays for Future", die sie ausgelöst hat, rollt um die Welt.
Was Greta tut, kommt in die Nachrichten, so wie ihre Atlantik-Überquerung auf einer Rennjacht, um zum Sonderklimagipfel der Vereinten Nationen nach New York zu reisen. Ein schwedisches Mädchen mit Überzeugungen, das mit ihrer Weigerung zu fliegen, den schwedischen Begriff Flygskam (bei uns inzwischen Flugscham) geprägt hat.
Nur schwierig, wenn die eigene Bedeutsamkeit so groß wird, dass es nötig wird, für die gute Sache über den großen Teich zu reisen. Über den Atlantik fahren nun mal keine Züge… Also segeln. Eigentlich eine gute Idee, aber wenn die weltweite Aufmerksamkeit auf einen gerichtet ist, fliegt einem die gute Absicht nicht zu fliegen auch schnell mal um die Ohren. Ihr Segeltörn wird zum Aufreger in den (sozialen) Medien – durch hin und her reisende Crews kämen mehr Flüge zusammen, als wäre sie in Begleitung ihres Vaters einfach nach New York geflogen, berichtet die Berliner "tageszeitung". Die Hauptkritik: Das Schiff wird durch eine teilweise extra aus Europa eingeflogene Crew wieder zurückgeführt.
Ein PR-Gau für alle Beteiligten. Nicht zuletzt, weil das Renn-Team des Schiffes, das Greta nutzt, eigene Interessen verfolgt und die Chance gesehen hat, sich über den Transport der Klimaaktivistin zu profilieren. (Dabei ist noch fraglich, ob eine Rennjacht das geeignete Gefährt für die erste Atlantiküberquerung einer Jugendlichen ist – diese Schiffe sind auf Schnelligkeit getrimmt, um jeden Preis. Annehmlichkeit sieht sicher anders aus.) Das Renn-Team versucht sich in Schadensbegrenzung und beteuert gegenüber dem "Spiegel", bereits seit letztem Jahr alle seine klimaschädlichen Aktivitäten durch den Erwerb von Zertifikaten auszugleichen.
Gretas Botschaft wird durch diese Reise konterkarikiert. Die Reise in ihrer Gesamtheit verursacht deutlich mehr CO2, als wäre Greta geflogen. Sieht man von den kritisierten Flügen der Crewmitglieder ab, geht auch CO2-Ballast auf das Konto der unzähligen Journalisten, die anlässlich ihrer Aktion gereist sind. Auch die Datenmengen, die im Zuge der Berichterstattung energiereich über den Globus gejagt wurden, sind nirgendwo eingerechnet.
Über diese fehlerhafte Kalkulation kann man sich aufregen oder hämisch herziehen. Man kann es aber auch lassen und Greta als das sehen, was sie ist: Ein 16-jähriges Mädchen mit Asperger-Syndrom, das für den Klimaschutz brennt. Sie transportiert eine Idee, reißt Massen mit und geht – vermutlich gestützt durch diese besondere Form des Autismus – völlig in ihrer Überzeugung auf. Dass eine 16-jährige nicht alles bis ins Detail zu Ende denken kann, sollte verzeihlich sein. Das können nicht einmal die unter uns, deren Lebensalter drei, viermal so hoch ist. Aber wer von denen, die laut über einen gut-gemeint-ist-nicht-immer-gut-gemacht Fehler herziehen, hat denn schon mal wenigstens versucht, die Welt zu retten? Ich kenne niemanden.
(jsc)