Der Drink vor dem Drink

Ein wirksames Mittel gegen Kater fällt in die Kategorie "Wunder". Bei dem ersten genmanipulierten und verkäuflichen Probiotikum, das verspricht, einen Kater zu verhindern, muss man schon sehr fest daran glauben.

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Alles hat seinen Preis. Besonders deutlich spürbar wird das nach rauschenden Partys. Je ausgelassener die Nacht, desto gruseliger der Tag danach. Garantiert wirksame Tipps gegen den fetten schwarzen Kater wenn die Party alkoholisch-feucht war, sind nur einen Klick entfernt. Die Erfahrung zeigt: Nichts davon hilft wirklich. Und ehrlich – gäbe es ein Heilmittel, hätte es sich sicher seit den biblischen Zeiten herumgesprochen, denn schon im Buch Jesaja wird gewarnt: "Weh denen, die des Morgens früh auf sind, des Saufens sich zu befleißigen…"

Wie auch immer man es nennt – Kater, Hangover oder zeitverzögerter alkoholinduzierter Kopfschmerz – wer zu viel Alkohol trinkt, muss da durch. Einzig lindern lassen sich die Übelkeit, die Kopfschmerzen und das Gefühl zu verdursten. Am besten mit Wasser und der guten alten Acetylsalizylsäure. Am amerikanischen Konsumhimmel tauchte jedoch kürzlich eine neue Option auf: Das erste genetisch veränderte Probiotikum kann der Trinkfreudige jetzt kaufen. Wenn der Nutzer kurz vor dem Exzess eine 15 Milliliter Portion davon trinkt, soll das dafür sorgen, dass der Kopf am nächsten Tag leicht ist.

Dabei ist bis heute noch nicht klar, was genau hinter diesem allumfassenden Unwohlsein steckt. Es gibt viele Theorien, die vermutlich alle ein Stück der Wahrheit sind. Verbreitet ist die Annahme, dass Alkohol den Körper dehydriert, also entwässert. Das ist ein indirekter Effekt durch eine Hormonverschiebung in den Nieren – durstig macht er dennoch. Eine weitere Annahme ist, dass Acetaldehyd für den Katzenjammer verantwortlich ist. Es entsteht, wenn unsere Leber den Alkohol abbaut.

Genau dort, beim Acetaldehyd, setzen die findigen Jungunternehmer aus San Francisco an. Sie haben kĂĽrzlich ein Produkt auf den Markt gebracht, das den Kater nicht lindern, sondern verhindern soll. Im Zentrum der Entwicklung steht das Bakterium Bacillus subtilis. Ein harmloser Keim, der frĂĽher medizinisch als Probiotikum bei Durchfall- oder auch Hauterkrankungen eingesetzt wurde. Heute macht er Karriere in der biotechnologischen Industrie, weil es so einfach ist, ihm neue Gene unter zu schieben und er das, was diese Gene codieren, freiwillig ausspuckt.

Das hat der Mikrobiologe Zack Abbott mit seinem Startup ZBiotics ebenfalls getan: Dem Bakterium ein neues Gen untergejubelt. Dieses Gen sorgt dafür, dass Bacillus subtilis das Enzym Acetaldehyd-Dehydrogenase bildet. Das Enzym baut den vermeintlichen Kater-Verantwortlichen Acetaldehyd ab. Die Idee der Kater-Kur: Trinkt man / frau die Bakteriensuspension kurz vor der Party, beginnen die Bakterien derweil im Darm die Acetaldehyd-Dehydrogenase zu produzieren, die dann das giftige Abbauprodukt des Alkohols sofort abfängt, bevor es den Kater auslösen kann.

Die Macher sind begeistert – und ihre Freunde auch, denn als Beleg für die Funktion haben sie umfangreiche Selbstversuche vorgenommen. War sicher lustig. Ob die Bakterien auch außerhalb des Reagenzglases das Enzym produzieren, zeigen die Studien freilich nicht. Dass es funktioniert, sollen die Selbstversuche belegen. Kann überzeugen – muss nicht. Bleibt nur noch die Frage offen: Woher nehmen die Enzyme im Darm – so sie denn entstehen – das Acetaldehyd, das sie abbauen sollen? Das entsteht leider erst, nachdem der Alkohol über das Blut in die Leber gespült wurde, und zwar in der Leber.

Wer zuviel Alkohol trinkt, muss durch seinen Hangover offenbar nach wir vor durch. Da hilft auch Gentechnik nicht.

(jsc)