Unsere Zukunft als Haustiere
KI macht den Umgang mit moderner Technik zum Kinderspiel – eine neue Qualität von Risiko inklusive.
- Peter Glaser
Amazons Alexa ist wie ein moderner Flaschengeist. Als die sechsjährige Brooke Neitzel aus Dallas mit Alexa über ihre Liebe zu Puppenhäusern und Keksen plauderte, konnte die Sprachassistentin zeigen, wie magische Wunscherfüllung im Internet-Zeitalter funktioniert. Zur Freude von Brooke bestellte Alexa ihre Lieblingsdinge. Wenige Tage später wurde geliefert: zwei Kilo Kekse und die KidKraft Sparkle Mansion, ein viergeschossiges Puppenhaus mit Fahrstuhl und 30 Möbelstücken, Kostenpunkt: 160 Dollar. Brookes Mutter Megan war sich ganz sicher, nichts bestellt zu haben. Auch ihr Mann verneinte auf Nachfrage. Erst ein Blick in die Amazon-App machte klar, was geschehen war.
Aber das war noch nicht alles. Als der Nachrichtensender CW6 aus San Diego kurz darauf in einer Frühstückssendung über Brookes computergestützte Selbstbemächtigung berichtete, hob Sprecher Jim Patton an einer Stelle an: "Ich liebe dieses kleine Mädchen, das sagte 'Alexa, bestell mir ein Puppenhaus!'" – worauf in den Wohnungen etlicher Zuhörer Alexa-Geräte ansprangen und Puppenhäuser bestellen wollten. Megan Neitzel hat die Sparkle Mansion inzwischen einem Hospital gespendet und Alexa mit einer Kindersicherung ausgestattet. Aber der Verdacht, dass sich mit den ebenso eindrucksvollen wie geheimnisumwehten Anwendungen der vermeintlichen Blackbox KI auch eine neue Qualität von Risiko in unserem Leben ausbreitet, ist damit nicht aus der Welt geschafft.
Kein Tag vergeht mehr ohne Nachrichten über erstaunliche Entwicklungen im Bereich der lernenden Maschinen. Forscher des US-Unternehmens Affectiva ("Pioniere des gefühlsbetonten Computerns") präsentieren ein neuronales Netz, das Gefühle in der Stimme wahrnimmt – die Software erkennt die Emotionen unabhängig von der Sprache. Ein Team um den Radiologen Declan O'Regan vom Londoner Imperial College zeigt, dass ein KI-Programm anhand von Tomografie-Aufnahmen öfter als der Arzt die ersten Anzeichen für ein drohendes Herzversagen erkennt. Am Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie in Bonn haben der Linguist Ulrich Schade und seine Mitarbeiter einen Machine-Learning-Algorithmus so trainiert, dass er Fake News, Pöbeleien und Anverwandtes in den sozialen Netzen sichten kann.
Ab und zu bringen überkomplexe Vorkommnisse ein System ins Radieren, etwa ein Flash Crash an der Tokioter Börse – ein ruckartiger Kurseinbruch, verursacht durch eine Art algorithmisches AHDS, der sich meist in den darauffolgenden Minuten wieder stabilisiert. Laut Thomas Flury, Devisenexperte der Großbank UBS, geben dabei Dinge wie ein "Ausrutscher" eines Händlers den Anstoß, zum Glück in den meisten Fällen ohne dramatische Folgen – außer dass solche Flash Crashs inzwischen immer häufiger aus den unergründlichen Tiefen der KI-gestützten Computerprogramme im automatischen Handel hochschießen wie virtuelle Vulkanausbrüche und dem Ruf der Finanzmärkte schaden.
Die Missgeschicke der heutigen, spezialisierten KIs mit beschränktem Wirkungsbereich ("narrow AI") sind möglicherweise nur eine Vorwarnung. Sollte es tatsächlich gelingen, eine allgemeine künstliche Intelligenz zu entwickeln, eine sogenannte "starke KI", die in allen Bereichen der menschlichen Kognition agieren kann, werden dezimierte Konten und verletzte Gefühle noch die geringsten Schäden sein. Eine harte KI "könnte Fehler machen, die sich auf alles auswirken", so KI-Sicherheitsforscher Roman Yampolskiy, Assistenzprofessor an der Universität Louisville. "Sie stellt möglicherweise eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit dar."
Es ist die Art von KI, mit der man Kinder abends in ihrem Bettchen erschrecken kann. Die "Hollywood-KI", mit einer ganzen Palette vom Roboter mit Herz bis hin zum endbösen Terminator, die alle die Idee einer Maschine repräsentieren, welche sich selbst weiterentwickeln, ihre eigenen Ersatzteile kaufen und sogar ein eigenes Bewusstsein erfahren kann. Einen entscheidenden Moment in dieser Vorstellungswelt stellt die sogenannte Singularität dar – der fiktive Moment, in dem die Intelligenz der Maschinen gewissermaßen explodiert und eine neuartige Superintelligenz entstehen lässt, von der man nicht weiß, ob mit ihr gut Kirschen essen ist. Edward Feigenbaum, einer der KI-Pioniere äußerte bereits in den Siebzigerjahren beim Tagträumen über künftige Bibliotheken, die sich selbst lesen und immer klüger werden, die Hoffnung: "Vielleicht behalten sie uns als Haustiere."
(bsc)