Ärzte halten Leber außerhalb des Körpers am Leben
Mittels "Supercooling" könnten Leben von Menschen auf den Transplantationslisten gerettet werden.
(Bild: Jeffrey Andree, Reinier de Vries, Korkut Uygun)
- Antonio Regalado
Forschern ist es gelungen, menschliche Lebertransplantate unter den Gefrierpunkt herunter zu kühlen und sie dann erfolgreich wieder zu erwärmen, ohne dass sie größeren Schaden nehmen. Die "Supercooled"-Organe blieben auch nach 27 Stunden noch in guter Verfassung – das ist fast ein Tag länger, als Lebern normalerweise außerhalb des Körpers überstehen.
Die Forschungsarbeit ist Teil eines größeren Projekts, mit dem Methoden entwickelt werden sollen, Organe und Gewebeteile außerhalb des Körpers über einen längeren Zeitraum zu lagern, damit sie bei Transplantationen sofort einsatzbereit sind.
"Was wir wirklich brauchen, ist ein Apollo-Programm für die Erhaltung und Weitergabe von Organen, ein neues Paradigma", sagt Organforscher Korkut Uygun, der das Projekt an der Harvard Medical School und dem Massachusetts General Hospital leitet. Apollo war der Name des Mondprogramms der Vereinigten Staaten. Uygun ist davon überzeugt, dass die zentralen technischen Verfahren bereits existieren – "oder sie sind schnell zu erreichen".
Nach Entnahme muss es bislang schnell gehen
Die Versorgung mit Spenderherzen, Spendernieren oder Spenderlebern von Unfallopfern ist stark begrenzt. In den USA koordiniert ein landesweites System an Registraturen und Transplantationszentren die Verteilung – die Organe werden in Kühltaschen vom Entnahme- zum Operationsort gebracht, wo dann stets notfallchirurgische Eingriffe notwendig sind, weil man nie weiß, wann Spendergewebe bereitsteht.
Organe lassen sich nicht einfach einfrieren und lagern, weil sich Eiskristalle bilden, die zu irreparablen Schäden führen. Daher nutzten Uygun und sein Team eine Technik, die sich Supercooling nennt – dabei werden die Temperaturen des Wassergehalts in den Organen auf minus 6 Grad Celsius abgesenkt, ohne dass es zu einem Gefrierprozess kommt.
Die Harvard-Gruppe hatte schon vorher demonstriert, dass sich Rattenlebern einem Supercooling-Prozess unterziehen lassen, ohne dass diese absterben. Menschliche Lebern sind allerdings 200 Mal so groß und deren Erhaltung sei bislang ein "unerreichbares Ziel" gewesen, so die Forscher.
Scheintote Leber wiederbelebt
Bei ihrem jüngsten Versuch, beschrieben im Journal "Nature Biotechnology", fand das Team eine Möglichkeit, die menschlichen Lebern mit speziellen Vorbehandlungschemikalien vollzupumpen und sie dann in eine Art "Scheintod" zu versetzen. Bei solch geringen Temperaturen verlangsamen sich physiologische Prozesse stark. Die "Erweckung" der Organe gelang, indem langsam eine Transfusion mit warmem Blut zugeführt wurde.
Kälte ist indes nicht der einzige Weg, ein Organ in guter Verfassung zu belassen. Zuvor war es Wissenschaftlern gelungen, entnommene Organe an einen künstlichen Kreislauf anzuschließen, der es beispielsweise Herzen erlaubte, außerhalb des Körpers zu schlagen oder die Nervenzellen eines Schweinehirns zu bewahren.
"Meiner Ansicht nach liegt die zentrale technische Plattform in dieser maschinellen Erhaltung", meint Uygun. An der Harvard University schätzt man, dass 30 Prozent aller Todesfälle in den USA durch Organtransplantate vermieden werden könnten.
(bsc)