The Great Perhaps: DĂĽster-melancholische Apokalypse
Zeitreisen mit einer Wunderlampe sind ganz praktisch – im Adventure "The Great Perhaps" wechselt man damit munter von der Vergangenheit in die düstere Gegenwart.
Kosmos ist ein Ehrenmann. Banküberfälle kann er nicht leiden und greift aus der Zukunft ein, um sie zu verhindern.
(Bild: Caligari Games)
Der Astronaut "Kosmos" wacht in einer Forschungsstation im Erdorbit aus dem Kryoschlaf auf und starrt vom Bullauge hinab auf die Erde. Nicht nur, dass er hundert Jahre geschlafen hat, nein: Er ist auch der einzige Mensch, der eine gewaltige Katastrophe ĂĽberlebt hat, vor der er sich mit knapper Not ins Schiff retten konnte.
Der wie das ganze Stil im Comic-Stil gehaltene Trailer am Anfang des Spiels erzählt, wie es weitergeht: Der Astronaut ist verzweifelt und fordert die künstliche Intelligenz "L9" auf, den Sauerstoff aus der Raumstation abzupumpen. Hätte L9 das gemacht, wäre das Spiel bereits nach dem Trailer zu Ende gewesen. Doch in Anspielung auf den Supercomputer HAL 9000 (aus dem Film "2001: Odyssee im Weltraum") sagt L9: "Das kann ich nicht tun!"
Sie überzeugt ihn, sich zur Spurensuche auf die Erdoberfläche zu begeben, will aber im Rucksack des Astronauten mitreisen, weil sie nicht allein bleiben möchte. Für das Spiel ist das ein Gewinn, denn in den vergangenen hundert Jahren hat sie ein wenig an ihrer Humorfunktion arbeiten können und im Spiel gibt sie ab und zu Tipps, was man tun könnte. Eine Wahl hat man dabei aber ohnehin nicht.
Linear statt Open World
Der Spielverlauf in The Great Perhaps ist völlig linear: Man muss tun, was die Geschichte von einem verlangt, sonst stirbt man. Aber auch wenn das geschieht, ist es nicht weiter schlimm, weil es den Spieler nur auf den letzten, vom Spiel automatisch erstellten Speicherpunkt zurückwirft. Weder gehen Reichtümer verloren noch verliert man Level, denn sowas gibts bei The Great Perhaps nicht.
Die Erdoberfläche ist indes kein Tummelplatz, den man nach Lust und Laune erforschen könnte – The Great Perhaps ist kein Open-World- oder gar ein Zombie-Horde-Crafting-Spiel wie 7 Days to die, sondern ein grafisch nett gemachter Side-Scroller in 2D-Grafik. Per A- und D-Taste (oder den Pfeiltasten) bewegt man sich nach links oder rechts, mit der Leertaste hüpft man, die Taste E lässt Kosmos Türen öffnen, Dinge aufheben und Dialoge führen und mit F kann man Gegenstände werfen. Die wenigen Dinge, mit denen Kosmos interagieren kann, sind durch einen hell blinkenden Punkt oder Rahmen hervorgehoben, eine lange Suche nach der Nadel im Heuhaufen entfällt somit.
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Zeitenwechsel
(Bild:Â Caligari Games)
Schnell findet Kosmos eine rätselhafte Laterne, mit der man mit der Taste Q in die Vergangenheit schauen und mit langem Tastendruck sogar in diese Zeitlinie wechseln kann – und wieder zurück. Diese Wunderlampe muss er schnell benutzen, denn ein schwarzer Schattenmann rückt dem Astronauten auf die Pelle.
Um im Spiel weiterzukommen und herauszufinden, was die große Katastrophe verursacht hat, muss man immer wieder Dinge aus der einen Zeitlinie besorgen und in der anderen einsetzen: Schlüssel für abgeschlossene Räume, Bücher aus Bibliotheken, die angehende Selbstmörder davon abhalten, vom Dach zu springen. Oder man nutzt die andere Zeitlinie, um an Hindernissen und lauernden Monstern sowie mordlustigen Krankenpflegern vorbei zu kommen.
Hin und wieder muss man kleine Rätsel lösen. Sie stellen aber allesamt keine allzu große Herausforderung dar, auch nicht für Gelegenheitsspieler.
Atmosphäre
Die Story ist zwar recht dünn und das Setting auch nicht gerade übermäßig originell, aber das Spiel schafft es, mit einer sehr stimmigen Musikkulisse und handgemalten Details eine melancholische bis niederdrückende Atmosphäre zu schaffen. Im Trailer ist beispielsweise – fürs Spiel geradezu doppelsinnig - ein Kinoplakat zum Film "Zurück in die Zukunft" zu sehen.
(Bild:Â Caligari Games)
Humor beweisen die Entwickler besonders in Details, die für den Spielfluss an sich nicht wichtig sind: Im Büro eines Schlüsselbewahrers fehlt beispielsweise in der Jetztzeit der Kalender mit – angedeutet – leicht bekleideten Damen, während anderer Wandschmuck offenbar in den Wirren der Endzeit keine Interessenten gefunden hat. Ein Graffiti in der U-Bahn zeigt die hohle Phrase "Thoughts and Prayers", die Politiker bei jeder Katastrophe abgesondern. Daher lohnt es sich durchaus, das Spiel nach dem ersten Durcheilen nochmal zu spielen, dann aber mit Blick auf solche Ostereier der Entwickler.
Russische Wurzeln
Der grafische Stil greift auf die Motive der Sowjetzeit zurück: Helden der Raumfahrt, hier und da ein roter Stern und natürlich überall kyrillische Schriften. Die Zeit nach der Apokalypse verbreitet spröden Lost-Place-Charme, auch durch die weniger bunte Farbgestaltung.
The Great Perhaps hat keine deutschsprachige Vertonung, aber die englische ist gut eingesprochen, wenig nuschelig und die deutschen Untertitel können die eine oder andere sprachliche Lücke schließen.
The Great Perhaps (33 Bilder)

HauptmenĂĽ
(Bild: Caligari Games)
Das Spiel "The Great Perhaps" stammt vom russischen Entwicklerstudio Caligari Games, Publisher ist Daedalic Entertainment, die man vielleicht von Deponia kennt. Seit Mitte August ist "The Great Perhaps" für einen schlanken Zehner auf der Gaming-Plattform Steam zu haben, und zwar für macOS (ab Sierra), Windows (ab 7) und Linux. Ein Core2Duo ab 2,4 Gigahertz reicht laut Steam, mit einem i5-MacBook pro (2013) lief es flüssig, ebenso auf Windows-Rechnern mit i5. Höchstleistungen verlangt die Grafikabteilung im Rechner bei diesem Spiel nicht.
Fazit
Wer sich fragt, wieso das Spiel "The Great Perhaps" heiĂźt: Dabei handelt es sich um die letzten Worte des Dichters Francois Rabelais. Noch berĂĽhmter wurde der Ausdruck durch das Buch "Looking for Alaska" von John Green.
Insgesamt ist The Great Perhaps für all jene interessant, die ein Spiel suchen, für das man nicht viel lernen muss. Rätsel sind recht einfach lösbar und man kann das Spiel in endlicher Zeit bewältigen. Grafisch ist das Adventure schön gemacht, bietet immer wieder Anspielungen auf bekannte Sujets und bringt einen Soundtrack mit, der die düster-melancholische Stimmung untermalt. Selbst das Ende hat etwas zumindest Küchenphilosophisches. Wer bis dahin gekommen ist, sollte es vielleicht noch mal spielen, weil sich dann einige Elemente der Geschichte als vorweg genommene Hinweise entpuppen. (mil)