Post aus Japan: Dank Gabe zum Ganoven

Sein fotografisches Gedächtnis wurde für Yusuke Taniguchi zum Fluch: Er nutzte es für Kreditkartenbetrug. Doch keine Angst, es gibt Maßnahmen mit neuer Technik.

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Frau mit Kreditkarte und Laptop

(Bild: Shutterstock/Elvira Koneva)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Martin Kölling
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Yusuke Taniguchi stach in seinem Job nicht heraus. Der Japaner war eher jemand, den auf Karriere bedachte Menschen als Loser bezeichnen würden. In seiner beruflichen Laufbahn hatte es der 34-Jährige gerade mal zum Kassierer geschafft – und dies auch nur in Teilzeit. Aber er hatte eine Gabe, die auch diesen Job einigermaßen lukrativ machte: ein fotografisches Gedächtnis.

Praktisch hieß das: Er brauchte sich nur ein Bild für einen kurzen Moment anzugucken und konnte sich anders als Normalsterbliche auch später noch an kleinste Details erinnern. Irgendwann entschloss er sich dann, dieses Talent in seinem Job zur eigenen Bereicherung anzuwenden. Zahlte ein Kunde mit Kreditkarte, prägte sich Taniguchi in ein paar Augenblicken den Kundennamen, die 16-stellige Kreditkartennummer, das Ablaufdatum und die dreistellige Geheimzahl ein. Später kramte er die Informationen wieder aus der Tiefe seines Gedächtnisses hervor, kaufte Luxusgüter online ein und versetzte sie im Pfandhaus.

Post aus Japan
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Nach seiner Verhaftung fand die Polizei ein Notizbuch, in dem Taniguchi immerhin 1.300 einzelne Kreditkartendaten niedergeschrieben hatte. Wie viele er wirklich für betrügerische Einkäufe genutzt hat, ist unbekannt. Zum Verhängnis wurde ihm letztlich der Kauf einer 2.400 Euro teuren Tasche. Die ließ er sich an seine eigene Adresse liefern und brachte damit die Polizei selbst auf seine Fährte.

Dies ist vielleicht einer der etwas kurioseren Fälle von Kreditkartenbetrug, aber er nutzt eine bekannte Sicherheitslücke: Alle Daten, die für Onlineeinkäufe notwendig sind, werden aus unerfindlichen Gründen bis heute auf die meisten Karten gedruckt. Dabei wird uns bei anderen Bankkarten seit Jahren eingebläut, dass wir ja nicht die Geheimzahl auf die Karten schreiben sollten.

Immer wieder kommt es daher vor, dass Verkäufer die Karten schnell kopieren, fotografieren und dann die Daten für Diebstähle nutzen. Die Kreditkartenfirmen nehmen zwar für sich in Anspruch, Betrügereien immer besser aufspüren zu können – und wenn dies nicht gelingt, wenigstens die Kunden nicht zu belasten. Dennoch kursieren im Internet Tipps, wie sich Kartenbesitzer selbst schützen können, zum Beispiel durch das Auskratzen, Übermalen oder Abkleben der dreistelligen Sicherheitsnummer.

Als Kunde muss man sich die Nummer dann merken – oder wie in Japan wahrscheinlicher niederschreiben. Viele Einwohner Nippons haben mehrere Kreditkarten, da viele Einzelhandelsketten die höchsten Loyalitätspunkte an das eigene Plastik binden. Und den meisten Menschen außer dem besonders begabten Taniguchi fällt das Auswendiglernen von mehreren Nummern wahrscheinlich schwer.

Einen anderen Weg geht Apple mit seiner neuen Kreditkarte. Auf der stehen keine Zahlen. Doch auch mit der derzeitigen Technik ist wenigstens einem Sicherheitsexperten nicht bange: Frank Abagnale, dessen Leben als Hochstapler in "Catch me if you can" verfilmt wurde, und der später nach seiner Haftentlassung über 40 Jahre lang für die US-Bundespolizei Identitätsdiebstahl und zuletzt Cyberkriminellen nachspürte.

2017 sagte Abagnale in einer Rede bei Google: "Ich nutze die sicherste Zahlungsform, die auf der Welt existiert – und das ist eine Kreditkarte." Denn man gebe nicht sein eigenes Geld aus und keine Daten und keinen Zugang zum eigentlichen Bankkonto preis – und außerdem hafte er bei Betrug laut amerikanischem Recht für null Dollar.

Dennoch wird in anderen Ländern selbst diese Form des Plastikgelds teilweise abgeschafft, so beim größten koreanischen Telekommunikationskonzern SK Telecom. Dessen Mitarbeiter können in hauseigenen Automaten dank Gesichtserkennung bargeldlos zahlen. Die Käufe werden auch nicht über Kreditkarte oder Bankeinzug abgebucht, sondern direkt vom Gehalt.

In China, wo Sorgen um die Privatsphäre weniger Gewicht eingeräumt werden, ist die Entwicklung bereits mehrere Schritte weiter. Der Betreiber des populären Zahldienstes Alipay hat schon in mehr als 100 Städten Gesichtserkennungskassen in die Läden gebracht. Dieses System birgt sicherlich ganz neue Risiken. Aber Ganoven mit fotografischem Gedächtnis hätten keine Chance mehr. ()