BlĂĽhender Wandel
In Indien soll ein großes Umweltproblem zusammen mit einem gesellschaftlichen gelöst werden.
(Bild: Shutterstock)
- Veronika Szentpetery-Kessler
"Wir haben uns aus dem Dreck erhoben", sagt Ranjana. Das meint die indische Mutter zweier Kinder aus Kanpur im Wortsinn. Sie gehört der Dalit-Gruppe an, den aus dem Kastensystem ausgeschlossenen "UnberĂĽhrbaren", die nur schmutzigste Arbeiten annehmen dĂĽrfen, diskriminiert und gesellschaftlich isoliert sind. Ranjana putzte in Kanpur in einem Krankenhaus ÂOperationsbesteck und wusch Patienten fĂĽr ein mageres Gehalt, ohne eine Kranken- oder Rentenversorgung. Dann hörte sie von dem BlumenÂrecycling-Start-up Kanpur Flowercycling PL und verarbeitet nun mit mehr als 170 anderen diskriminierten Frauen BlumenÂabfall in Handarbeit zu Weihrauchstäbchen und Räucherkerzen.
Acht Millionen Tonnen Blütenköpfe bringen Inder jedes Jahr in Tempeln den Göttern als Opfer dar. Die heiligen Tempelblumen werden abends aus Respekt nicht in den Müll, sondern in die ebenfalls heiligen Flüsse entsorgt. Beim Verrotten verseuchen sie diese Flüsse mit Pestiziden, Insektiziden und Faulgasen, in denen die Anwohner waschen, baden und fischen.
Dagegen wollten die Freunde Ankit Agarwal und Karan Rastogi etwas Âunternehmen. Sie entwarfen einen Recyclingprozess fĂĽr die Tempelblumen. Dabei riskierten der Ingenieur und der Betriebswirt bewusst einen Traditionsbruch, indem sie gezielt gesellschaftlich ausgestoĂźene Frauen fĂĽr ihr Start-up einÂstellten. Agarwals Entschluss, seinen sicheren Job bei der Cybersecurity-Firma Symantec aufzugeben, schockierte seine Eltern: "Oh Gott, der Junge will Tempel sauber machen", erzählt der GrĂĽnder im "Forbes India"-Magazin von ihrer Reaktion. Doch er lieĂź sich nicht beirren. Inzwischen hat sein Start-Âup zahlreiche Preise gewonnen und mehrere Recyclingzentren Âeröffnet. "Ihr Unternehmen hat mich beeindruckt, es ist ein perfektes Beispiel fĂĽr Kreislaufwirtschaft", lobte Unilever-GeschäftsfĂĽhrer Paul Polman schon 2017 bei der Verleihung des "Unilever Young Entrepreneurs Awards".
Zuerst reinigen die Mitarbeiterinnen die Blumen von Plastik- und anderen Abfällen und sortieren sie nach Arten. AnschlieĂźend werden die BlĂĽten mit Âeiner SpezialflĂĽssigkeit besprĂĽht, um die phosphathaltigen Pflanzenschutzmittel mithilfe bestimmter Bakterien sowie die Fluorid- und Bleikontamination durch Aktivkohle zu neutralisieren. Wie genau das funktioniert, ist ÂBetriebsgeheimnis. Zuletzt werden die Blumen gespĂĽlt und getrocknet.
Danach fertigen die Frauen aus ihnen drei verschiedene Produkte unter der Marke Phool. Gemahlen und mit Pflanzenharzen sowie weiteren, geheimen Zutaten gemischt, werden sie zu Räucherstäbchen und -kerzen. Diese sind nach Angaben des Unternehmens umweltfreundlich, weil sie anders als herkömmliche Räucherprodukte keine Holzkohle oder kĂĽnstliche Duftstoffe enthalten und sie sauber verbrennen. Im zweiten Produkt vermischt Phool die BlĂĽten mit Pilzmyzellen und fertigt daraus die biologisch abbaubare SchaumÂverpackung "Florafoam". Aus den Blättern und Stängeln entsteht dann noch zusammen mit Kuhdung Kompost. Als weiteres Produkt soll ein pflanzliches Lederimitat folgen.
Phool verarbeitet täglich etwa 8,4 Tonnen Blumen. Demnächst sollen es 50 Tonnen werden. Dafür will Phool 3700 Frauen einstellen und spricht mit der Regierung, um landesweit Recyclingzentren für Tempelblumen zu eröffnen.
Heute kann Ranjana, die ihre Geschichte im Film "Dignity with Flowers" ("WĂĽrde durch Blumen") erzählt, von ihrem Gehalt leben, die SchulÂgebĂĽhren pĂĽnktlich bezahlen und sich Notwendiges wie ein Bett und Annehmlichkeiten wie einen Fernseher leisten. Phool bezahlt ihre KrankenÂversicherung und Rentenvorsorge. Vor allem aber gilt sie nun fĂĽr Mitglieder höherer Kasten als respektabel genug, um sie zu besuchen.
(bsc)