Die neuen Schlafmittel
Eine zunehmende Zahl an Gadgets soll gegen Schlaflosigkeit helfen. Unsere Autorin hat sie mit ins Bett genommen, um ihre eigene Insomnie zu ĂĽberwinden.
(Bild: Somnox)
- Charlotte Jee
Mit 18 habe ich aufgehört zu schlafen. Ich zog vom Dorf ins laute London und war gestresst. In der schlimmsten Phase habe ich gefühlt zwei Wochen lang überhaupt keinen Schlaf gefunden. Heute schlafe ich in der Regel zwar besser, aber ab und zu quälen mich immer noch Schlafstörungen. Nach einer besonders üblen Schlaflosphase entscheide ich mich, ein paar der neuen Schlaf-Gadgets auszuprobieren.
Bis heute wissen wir erstaunlich wenig ĂĽber den Schlaf. "Wir haben beispielsweise keine Ahnung, warum einige Menschen gut und andere schlecht schlafen", so Jamie Zeitzer, Professor fĂĽr Schlafwissenschaft und Medizin in Stanford. Allerdings ist bekannt, dass nicht nur die Dauer des Schlafs zählt, sondern auch seine Qualität: die richtige Abfolge von Âtiefen, leichten und REM-Phasen. Letzteres ist der Zustand kurz vor dem Aufwachen, der sich durch schnelle Augenbewegungen bei Âgeschlossenen Lidern auszeichnet. Eine solcher Zyklus wiederholt sich alle 90 Minuten, und fĂĽr eine erholsame Nacht benötigen wir Âmindestens fĂĽnf davon.
Am Anfang steht der Schlaftracker
Ich habe meine Schlafdauer bisher nie systematisch erfasst, sondern nur grob im Kopf ĂĽberschlagen. Also ist Âes naheliegend, meine Tests mit Âeinem Schlaftracker zu beginnen.
Einer der am besten verkauften Tracker ist eine Sensormatte der ÂFirma Withings. Sie wird unter die Matratze gelegt und erfasst mit Drucksensoren meine Bewegungen, ein Mikrofon nimmt auf Wunsch auch das Schnarchen auf. Im Bewusstsein, dass mein Schlaf nun Âgetrackt und bewertet wird, wälze ich mich unruhig hin und her. Umsonst: Die ÂDaten sind unbrauchbar, weil die Matte sowohl mich als auch meinen Mann trackt.
Schlafen mit Ring am Finger
Ich brauchte also etwas, das nur mich erfasst. Vielleicht ist der Oura-Ring die Lösung – ein klobiges Sensorband fĂĽr den Finger. Es stellt ÂBewegungen, Körpertemperatur und Herzfrequenz grafisch in einer App dar. Angeblich soll ich rund sieben Stunden geschlafen haben, mit ein paar wachen Phasen dazwischen. Aber die Daten solcher Gadgets sind nur scheinbar Âgenau, denn sie schlieĂźen aus Bewegungen des Körpers auf die Tiefe des Schlafs. Um wirklich etwas ĂĽber die Schlafphasen aussagen zu können, mĂĽssten sie die Hirnaktivität ĂĽberwachen, meint die Psychologin Elizabeth Woodward.
Das verspricht ein Stirnband mit fĂĽnf Elektroden namens Dreem. Woodward hält es fĂĽr brauchbar. ÂLeider sieht es albern aus und ist unbequem – nichts, was ich länger nutzen wollte. AuĂźerdem weiĂź ich nicht genau, was ich mit den Informationen ĂĽber meine Schlafphasen ĂĽberhaupt anfangen soll. Das Stirnband mag fĂĽr einige Menschen nĂĽtzlich sein, etwa fĂĽr professionelle Diagnosen auĂźerhalb des Schlaflabors. Aber nicht fĂĽr mich.
Ăśberhaupt fĂĽhren diese ganzen ÂTracker dazu, den Schlaf als etwas zu betrachten, das repariert werden kann, oder als Spiel, bei dem es viele Punkte zu gewinnen gibt. Diese Fixierung auf Zahlen ist fĂĽr Schlaflose wie mich eher kontraproduktiv. Also versuche ich es mit einem Gadget zur aktiven Entspannung: dem 599 Dollar teuren, Ânierenförmigen Roboter Somnox. Ich soll mich an ihn kuscheln, während er sanft "atmet" und mich dadurch in den Schlaf lullt. Bei einigen Menschen mag das funktionieren, bei mir nicht. Ich fand ihn wenig anschmiegsam und das Synchronatmen unnatĂĽrlich.
Letzter Versuch: Lichttherapie
Zahlreiche Studien (allerdings mit geringer Teilnehmerzahl) empfehlen Lichttherapie. Viele Profisportler etwa schwören auf den Lumie-Wecker. Eine halbe Stunde vor der Weckzeit hellt er den Raum langsam auf, um einen Sonnenaufgang zu simulieren. Ich mochte den Wecker, er machte das Aufwachen nicht so zu einem Schockerlebnis. Regelmäßige Aufstehzeiten sollen gegen Insomnie helfen, also werde ich Lumie behalten. Auch wenn er mich nicht beim Einschlafen unterstĂĽtzt, sondern nur die Folgen der Schlaflosigkeit Âmildert.
Bis hierhin haben die meisten Gadgets meinen Schlaf eher verschlechtert. Kurz bevor ich zu Medikamenten Âgreifen will, empfiehlt mir ein Freund "Kognitive Verhaltenstherapie" (CBT). Sie hat ihre Wirksamkeit seit 25 Jahren immer wieder in kontrollierten Studien nachgewiesen.
Schlafen mithilfe von Apps?
Statt teurer Therapeuten kann ich fĂĽr CBT eine wachsende Zahl von Apps nutzen – etwa Somryst, CBT-i Coach oder Sleepio. Bei letzterer fĂĽhrt mich ein Avatar mit schottischem ÂAkzent durch sechs wöchentliche ÂSitzungen. Seine professorale und Âberuhigende Sprechweise gibt mir das GefĂĽhl, in sicheren Händen zu sein. Im Wesentlichen kombiniert die App Fragebögen, Beratungen, Feedback und Selbstreflexion.
Tatsächlich half Sleepio, meine Ânegative Gedankenspirale zu stoppen. Schon nach wenigen Sitzungen schlief ich besser. Inzwischen weiĂź ich nicht einmal mehr, wie viele Stunden ich tatsächlich schlafe. "Schlaf ist wie eine Katze", meint die britische Neurologin Kristie Anderson. "Er kommt nur zu dir, wenn du ihn ignorierst." Das macht all die Tracking-Gadgets wohl ĂĽberflĂĽssig.
Produkte: Somnox / Oura-Ring / Dreem
Anbieter: Somnox / Oura / Dreem
Preise: 600 Euro / 314 Euro / 400 Euro
(bsc)