Kleider machen Leute
Eine hannoversche Schule verbietet Jogginghosen und Leggins in der Schule. Hat unser Bildungssystem nicht vielleicht doch andere Sorgen?
Die Eröffnung zu diesem Blog gehört Karl Lagerfeld. Das ist klar, da kommen Sie leider nicht drum herum: "Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren." Das trage ich mit. Auch ohne Herrn Lagerfelds Ausspruch hat mich noch nie jemand in Jogginghosen gesehen. Aber müssen Schüler schon so viel Kontrolle über ihr Leben haben, dass sie nicht in Jogginghosen zur Schule gehen dürfen? Das Oskar-Kämmer-Gymnasium in Hannover findet schon und hat kurzerhand das Tragen solch legeren Beinkleides in ihren Privatschulhallen verboten, wie die Hannoversche Allgemeine berichtete. Ebenso wie die enganliegende Variante für die weiblichen Mitschülerinnen, die Leggins.
Sie ist nicht die erste Schule, die in die Kleiderwahl ihrer Schüler eingreift. Und das kann auch gut sein, denn die Schule hat eine sowohl gesetzlich verankerte als auch moralische Pflicht, ihre Schutzbefohlenen zu beschützen. Ultrakurze Hosen, bauchfreie Shirts und Dekolletés bis zum Bauchnabel bei Schülerinnen im Sommer zu untersagen, schützt im Zweifel die hormongesteuerten jungen Menschen vor Folgen, die sie noch gar nicht überblicken können. Das sieht das Hamburger Gymnasium Eppendorf seit 2017 so – und im Zweifel erleichtert sie damit zumindest den männlichen Mitschülern das Lernen.
Aber Jogginghosen? Wirklich? Über Geschmack lässt sich selbstverständlich immer streiten, aber Hosen, die aussehen wie Jogginghosen, jedoch nicht in der Sportabteilung verkauft werden (wie die dann heißen, ist mir leider nicht bekannt) haben selbst schon in den Büros Einzug gehalten. Wo soll da die Grenze gezogen werden? Und dass Schüler durch den Anblick von weitem – meist mausgrauem – Sweatshirt-Stoff vom Lernen abgehalten werden, ist wenig wahrscheinlich. Zumal das Beinkleid während des Unterrichts in der Regel unter einer Tischplatte verschwindet.
Die Diskussion wirkt besonders angesichts der aktuellen PISA-Studien Ergebnisse absurd. Deutschland hat sich zwar nach dem PISA-Desaster von 2000 grundsätzlich bildungsmäßig etwas erholt, ist jedoch seit 2015 wieder auf dem absteigenden Ast. So ist etwa die durchschnittliche Leseleistung auf das Niveau von 2009 zurückgefallen. Unter 79 teilnehmenden Ländern liegt Deutschland, das Land der Dichter und Denker, auf Platz 20. Und auch die anderen Felder wie Naturwissenschaften und Mathematik zeigen praktisch keine Verbesserungen.
Da drängt sich die Frage auf: Weshalb kümmern sich Schulen um die Beinkleider ihrer Schülerinnen und Schüler, statt sich auf die viel wichtigere Bildungsaufgabe zu konzentrieren? Sind sie davon so grenzenlos überfordert, dass nur noch Kleiderregeln bleiben – in der Hoffnung, dass dann die Kleider Leute machen? Das kann funktionieren, muss es aber nicht. Dass es anders herum funktioniert ist deutlich wahrscheinlicher: Mit einer guten Portion Bildung und Denkvermögen ausgestattet, ist es nicht mehr so wichtig, ob die Hose schlabbert.
Wenn Schulen in die Kleiderordnung eingreifen (außer, um junge Frauen vor zu viel Freizügigkeit zu schützen), dann doch bitte in aller Konsequenz nach britischem Vorbild: Schuluniform. Dann ist alles geklärt und der einzige Spielraum für modische Statements sind die Schuhe.
(jsc)