Social-ÂMedia-Hygiene: Reinigen Sie Ihre Timelines
Ăśber die Jahre sammelt sich einiger MĂĽll in ÂSocial-Media-Konten an. Zeit also, alte Postings und Likes zu prĂĽfen und gegebenenfalls groĂźÂflächig zu löschen.
Ein geplanter Badeurlaub in der Türkei wurde für Osman B. zum Horrortrip. Am 28. Juli 2019 klickten bei der Einreise am Flughafen Antalya die Handschellen. Der türkischstämmige deutsche Staatsbürger landete in Untersuchungshaft, weil er angeblich zuvor aus Deutschland Terrorpropaganda verbreitet hatte. Der Grund: Jahre zuvor hatte Osman B. bei Facebook Bilder gepostet, auf denen im Hintergrund auch Symbole der prokurdischen HDP, der nordsyrischen YPG und das Konterfei des PKK-Gründers Abdullah Öcalan zu sehen waren.
c't-Schwerpunkt Social-Media-Altlasten ausmisten
Erst nach zweieinhalb Monaten Haft kam Osman B. unter Vermittlung des Auswärtigen Amts wieder frei und durfte nach Deutschland zu seiner Familie zurĂĽck. Der Fall machte Schlagzeilen, ist aber kein Einzelschicksal. Nicht umsonst warnt das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen fĂĽr die TĂĽrkei derzeit: „Seien Sie sich bewusst, dass regierungskritische Ă„uĂźerungen in sozialen Medien, auch wenn sie länger zurĂĽckliegen, aber auch das Teilen oder Liken eines fremden Beitrags, Anlass fĂĽr strafrechtliche MaĂźnahmen der tĂĽrkischen ÂSicherheitsbehörden sein können.“
Der Fall zeigt: Ă–ffentliche Postings werden keineswegs nur vom gewollten Adressatenkreis wahrgenommen. Soziale Netzwerke dienen Fremden auch dazu, sich ein Bild von einem unbekannten Menschen zu machen. Das gilt fĂĽr Grenzschutzbeamte genauso wie fĂĽr Personaler, Vermieter oder Stalker. Selbst wenn ÂPostings nur fĂĽr den Freundeskreis freigeschaltet sind, droht Denunziation.
Aus dem Sinn
Die vorbeugende Maßnahme ist hinreichend bekannt: Denken Sie stets nach, bevor Sie posten oder liken. Welcher Eindruck entsteht von Ihnen, wenn jemand die Summe Ihrer Aktionen über die Grenzen der Netzwerke hinweg zusammenfasst? Auch an die Metadaten sollten Sie denken. Welche Metadaten sind öffentlich zu lesen? Welchen Facebook-Seiten folgen Sie? Ist Ihre Follower-Liste auf Instagram peinlich? Wer hat Sie auf Fotos markiert?
Aber nur nachzudenken reicht oft nicht mehr. Viele Historien reichen ĂĽber Jahre zurĂĽck. Facebook etwa existiert seit 2004, Twitter ging 2007 an den Start. Wer frĂĽh dabei war, ist mit den Netzwerken mitgewachsen und hat vielleicht noch Âeinige JugendsĂĽnden im Keller respektive in versteckten Winkeln der Chroniken, an die er sich gar nicht mehr erinnert.
Der Klassiker: Nach dem Studiumsende folgt die Stellensuche. Dabei vergisst man, welche Fotos von ausschweifenden Saufgelagen auf Erstsemesterpartys noch abrufbar sind – und wundert sich, warum man in Bewerbungsgesprächen ausführlich zu seiner Geselligkeit befragt wird.
Wenn Sie spielerisch eine Idee davon bekommen wollen, welche Datenschätze in Ihren Konten zu bergen sind, installieren Sie die App Time Hop auf Ihrem AnÂdroid-Handy oder iPhone. Einmal mit Ihrem Facebook-, Twitter oder InstaÂgram-Account verbunden, präsentiert sie hĂĽbsch gestaltete Erinnerungsalben aus Texten, Fotos und Videos, die Sie vor einem oder auch vor zehn Jahren veröffentlicht haben. Da lauern so manche – auch unangenehme – Ăśberraschungen, wie wir bei Stichproben mit mehreren Personen erfahren mussten.
Hilfe beim GroĂźputz
Die sozialen Plattformen animieren dazu, möglichst viel zu interagieren. Nutzer sollen posten und liken, was das Zeug hält: Aktivität und Engagement hilft, viel über die Nutzer zu erfahren und ihnen zielgruppengerecht viel Werbung einzublenden. Wohl deshalb bieten Facebook, Twitter & Co. ihren Mitgliedern nur unzureichende Bordmittel dafür, die eigene Chronik zu überprüfen und effizient zu reinigen.
Zum Glück gibt es Tools, die diese Lücke füllen. In den folgenden Artikeln erfahren Sie, wie Sie Ihre Timelines bei Facebook, Instagram und Twitter rückwirkend säubern können. Außerdem erklären wir, wie Sie die Datensammelei und Profilbildung von Google einschränken und Ihre Außendarstellung in den Suchmaschinen verbessern.
Doch nicht nur auf den groĂźen sozialen Plattformen, sondern auch den spezialisierten Netzwerken wie LinkedIn oder Xing und in Blogs und Foren sammelt sich MĂĽll. Im Artikel ĂĽber die Beseitigung von Altlasten in Webdiensten zeigen wir, woran Sie bei Ihrem FrĂĽhjahrsputz denken sollten, damit Ihnen nichts durch die ÂLappen geht. Wohlan: Nehmen Sie Ihre Âdigitalen Feudel in die Hand und wischen Sie groĂźzĂĽgig durch die sozialen ÂAccounts.
Dieser Artikel stammt aus c't 4/2020.
(hob)