Informatik: Vom Frauenberuf zur Männersache
Wie die Besetzung von Berufen und Interessen mit einem Geschlecht passierte, lässt sich auf dem Weg von der ersten elektronischen Datenverarbeitung zur heutigen Informationstechnik gut nachvollziehen.
- Helga Hansen
Zu unserem Editorial über Sichtbarkeit von Makerinnen und Geschlechterklischees über Technik in der Make 6/19 tauchte immer wieder die Frage auf, ob und wer daran nun schuld sei. Ganz so einfach ist das leider nicht, denn verschiedene Faktoren haben dabei mitgewirkt. Allerdings ist die Entwicklung der Informatik zur "Männersache" in den letzten Jahren viel untersucht worden. Im Vergleich zu anderen Wissenschaften ist das Feld auch recht jung und viele der Pionierinnen leben heute noch. Denn tatsächlich begann die IT als Frauenberuf.
Besonderes Augenmerk liegt im folgenden auf den USA und Großbritannien, die von den Historikern Nathan Ensmenger und Mar Hicks untersucht wurden. Beide beginnen ihre Beobachtungen mit dem Zweiten Weltkrieg, der von Raketenberechnungen bis hin zum Entziffern verschlüsselter Nachrichten eine Menge Rechenleistung forderte. Diese wurde vor allem von Mathematikerinnen geliefert, die dafür Computer bezeichnet wurden. Mit dem britischen Colossus und dem ENIAC in den USA wurden während bzw. nach dem Krieg programmierbare Rechenmaschinen eingeführt und die früheren "menschlichen Computer" zunächst als Programmiererinnen weiterbeschäftigt.
Entwicklung in den USA
Die Idee damals lautete: (männliche) Ingenieure und Wissenschaftler planen, während die Coderinnen die einfache Ausführung übernehmen. Dass gerade die Programmierung doch deutlich komplizierter war, so Ensmenger, sei in der Nachkriegszeit aber schnell klar geworden und stellte die Unternehmen vor eine bisher unbekannte Herausforderung. So galt Programmierung bald als "schwarze Kunst", für deren konstruktiven Einsatz ein Prozess der Professionalisierung notwendig war. Man wollte weg von einer künstlerisch-unberechenbaren Arbeit hin zu einer vorhersagbaren und überprüfbaren Wissenschaft. Dieser Prozess wurde nicht nur von den damaligen Managern getragen, die fast ausschließlich Männer waren, sondern auch von den Programmierern selbst, die dabei die Programmiererinnen aus dem entstehenden Beruf drängten.
Eine wichtiger Aspekt des Prozesses war die Frage, welche Voraussetzungen man für das Programmieren mitbringen muss. Viele Firmen begannen Eignungstests zu nutzen, die mathematisch-technische Fähigkeiten und eine psychologische Einschätzung ergeben sollten. Wissenschaftlichen Überprüfungen hielten die Tests allerdings kaum stand. Eine Studie unter zufriedenen Programmierern ergab außerdem, dass sie gerne Probleme lösten, Routine ablehnten und keine Aktivitäten mochten, die enge persönliche Kontakte erforderten. Rund zehn Prozent der Befragten waren Programmiererinnen – im Rahmen der 82-seitigen Studie ist aber ausschließlich von Männern die Rede. Unklar blieb dabei, ob die untersuchten Programmierer eigentlich gute Arbeit leisteten. Ein Branchenanalyst überdrehte das Studienergebnis auf einer Konferenz schließlich zum Bild des egozentrischen und neurotischen Einzelgängers, das bis heute nachwirkt.
Die Eignungstests filterten mit der Zeit interessierte Frauen raus, womit das Bild des Programmierers zusehends männlicher wurde und zu weniger Interessentinnen führte.
Ausbildung als Problem
Neuentstandene Berufsorganisationen arbeiteten derweil gezielt daran, aus einem Bereich mit wenig Ansehen eine prestigeträchtige Wissenschaft zu machen. Der Zugang zu diesen Organisationen erforderte daher zum Beispiel einen Uni-Abschluss – in einer Zeit, in der Männer 90 Prozent der Studierenden ausmachten. So nahm das Dartmouth College, an dem die Programmiersprache BASIC entwickelt wurde, bis 1972 nur männliche Erstsemester auf. Sieben von neun Schulen in einem Pilotprojekt, die über das College Zugriff auf Großrechner bekamen, waren Privatschulen für Jungen. Mit Doktorandinnen und Wissenschaftlerinnen arbeiteten zwar auch Frauen in Dartmouth, im Laufe der 60er und 70er Jahre verließen sie die Uni aber überproportional häufig.
Für ihre Ausbildung gingen viele junge Frauen in dieser Zeit eher an kommerzielle Schulen, die gegen Geld einen guten Einstieg ins Programmieren versprachen. Das Modell war an bekannte Schulen angelehnt, die Frauen für Büroberufe, etwa als Schreibfräulein, ausbildeten. Leider war die Qualität der Programmierausbildung miserabel, da nur wenig Praxiszeit an den teuren Rechnern blieb und vielen Schulen der Verbleib der Absolventinnen egal war. Mitten in einem Fachkräftemangel blieben diese daher oft ohne Job. Die Verbesserung der Ausbildung drängte also Frauen aus dem Beruf.
Hinzu kamen weitere kleine Faktoren. So war bei Notfällen im Rechenzentrum oft Arbeit bis in die Nacht notwendig. Späte Einsätze untersagten viele Firmen aber ihren weiblichen Angestellten. Dass Programmiererinnen ihren Arbeitgebern länger erhalten blieben und ihre Arbeit äußerst zuverlässig erledigten, wurde in dieser Zeit sogar in Berufszeitschriften erläutert. Allerdings stellte niemand in Frage, ob man etwa mit den unwissenschaftlichen Eignungstests geeignete Kandidatinnen herausfiltere. Am Ende, so Ensmenger, stand keine bewusste Entscheidung, Frauen aus der Informatik zu verdrängen, sondern Faulheit und Bequemlichkeit führten dazu, dass das bestehende Machtgefälle zwischen Männern und Frauen bei der Professionalisierung der Software-Branche fortgeführt wurde.
Klischee trifft Mainstream
Mit dem Beginn der 80er Jahre festigten der Einzug von Heimcomputern und popkulturelle Entwicklungen das Bild von Technik als Jungensache endgültig. Nach dem Crash der Spieleindustrie 1983 wurde das Marketing für Computerspiele explizit auf Jungen ausgerichtet. Auch in Familien war die Zuschreibung bereits angekommen. Befragungen unter Studierenden zeigen, dass Heimrechner meist für Jungen gekauft wurden, auch wenn Mädchen daran Interesse hatten. Wie in anderen Studiengängen war der Anteil an Studentinnen bis hierhin stetig angestiegen – 1984 brach er in den USA dann ein.