Überwachung: Der Hase und der Igel
Um der digitalen Verfolgung zu entgehen, rüsten Netzaktivisten ihr technisches Abwehrarsenal auf.
Gesichtsähnliche Muster verwirren die Kameras.
(Bild: Paom.com)
- Chris Löwer
Fast sahen die Bilder von den Demonstrationen in Hongkong nach einer Rave-Party aus: bunte Regenschirme im Sonnenschein, avantgardistisch geschminkte Studenten, über ihnen Laserstrahlen, die den Himmel durchkreuzen. Die Demonstranten sorgten jedoch nicht zum Spaß für dieses stimmungsvolle Bild, sondern um sich vor dem allgegenwärtigen Überwachungsapparat zu schützen: Mit den Laserpointern blendeten sie die Sensoren der Schnüffelkameras, die zu einem dichten Überwachungsnetz mit ausgefeilter Auswertungssoftware gehören; mit der Schminke und den Schirmen verbargen sie ihre Gesichter vor den Augen der Spähtechnologie.
Am Ende dürfte der Kampf gegen Überwachung zwar nur politisch zu gewinnen sein, weil die Spionagetechniken immer besser werden. Aber in Ländern wie dem Iran, Nordkorea oder China wird kaum einer auf diese Lösung hoffen. Also greifen die Menschen zu Tarnungstricks, mit denen sie sich zumindest momentan dem Apparat entziehen können. Es ist ein Wettlauf zwischen Hase und Igel.
Gerade um der immer üblicheren Gesichtserkennung zu entkommen, gibt es inzwischen verschiedene Möglichkeiten. Häufig orientiert sich die Erkennungssoftware im Wesentlichen an ein paar charakteristischen Merkmalen wie Gesichtsform, Symmetrien oder dem Abstand zwischen Augen und Ohren. Der Trick ist daher, diese Erkennungsmerkmale so zu modifizieren, dass die Software zu Fehlschlüssen kommt.
2016 schafften es Studierende von der Uni Pittsburgh, die Gesichtserkennung mit einer farbigen Brille derart zu foppen, dass sie statt eines Studenten die Schauspielerin Milla Jovovich zu sehen glaubte. Ähnliches gelang auch Forschern der Carnegie Mellon University: Sie haben auf Brillen mit vergleichsweise breitem Gestell die Merkmale prominenter Personen aufgedruckt.
Der Netzaktivist Adam Harvey hat weitere Styling-Tipps auf Lager. Der New Yorker hat eine Reihe Frisur- und Schminkvorlagen entwickelt, die durch ihre geometrischen Formen (schräger Pony, Dreiecke und Balken auf der Wange) gängige Gesichtserkennungssoftware aushebeln, etwa weil eine Haarsträhne markante Punkte wie die Nasenwurzel überdeckt, ausgemalte Quadrate Wangenknochen strukturlos machen oder ein Make-up mit wilden Linien für Verwirrung sorgt. Harvey nennt seine „Kollektion“ passenderweise „Dazzle“; er spielt damit auf das im Zweiten Weltkrieg verbreitete Tarnkonzept Dazzle an, demzufolge vor allem Kriegsschiffe durch würfelförmige Bemalung auf hoher See schlecht als Schiff zu erkennen waren.
Menschen im Dazzle-Look fallen hingegen sehr wohl auf. Wer von Kameras nicht erkannt werden will, wird es von Menschen leider umso eher. Daher hat Harvey in seinem Projekt „HyperFace“ Kleidung mit speziellen Mustern entwickelt, auf die die Klassifikatoren der Erkennungssoftware sofort ansprechen. Der Clou: In einer einzigen wild gemusterten Jacke erkennt der Algorithmus Tausende unterschiedliche Gesichter. Werden viele dieser Jacken gleichzeitig getragen, entsteht ein Meer Falsch-Positiver, in dem gewöhnlich Gekleidete untertauchen können – und selbst die Köpfe der HyperFace-Träger unbeachtet bleiben, weil die Merkmale auf ihrer Kleidung alle Aufmerksamkeit der Software auf sich ziehen. „Es geht darum, den Algorithmus zu übersättigen“, erklärte Harvey auf einem Kongress des Chaos Computer Clubs in Berlin.
Noch besser jedoch wären Tricks, die auch für das menschliche Auge nahezu unsichtbar sind. Forscher der Universität Hongkong und der Indiana University Bloomington haben sich auf die Suche gemacht. Erfolg hatten sie mit ein paar Infrarotpunkten, die ins Gesicht projiziert werden und die Farbsensoren der Kameras irritieren. Bei Tests mit Googles Gesichtserkennungssystem FaceNet lag die Verwirrungsquote bei 100 Prozent.
Das Prinzip hat eine Gruppe um den Informatiker Zhe Zhou von der Fudan-Universität in Shanghai in ein einfaches Abschirmwerkzeug umgesetzt: Die Wissenschaftler haben drei handelsübliche Infrarot-LEDs unter den Schild einer Basecap geklebt, und zwar so, dass sie auf markante Stellen im Gesicht gerichtet sind. Die Basecap wirkt damit wie eine unsichtbare Vermummung.
Zhou und sein Team haben das Verwirrspiel sogar noch weitergetrieben. Mit geschickt gesetzten Lichtpunkten gaukelten sie der Erkennungssoftware das Gesicht einer anderen Person vor. Grob gesprochen werden dafür von der Kappe Infrarotpunkte auf das Gesicht projiziert, die eigentlich den Charakteristika eines anderen entsprechen. In einem wissenschaftlichen Aufsatz sprechen die Forscher von einer „sorgfältig kalibrierten Anordnung von Infrarotlicht“, für die ebenfalls nur drei Dioden und fünf Minuten Feinjustierung nötig seien. Erfolgsquote: 70 Prozent.
Hilfreich ist auch ein bisschen Glitzer. Die US-Firma Betabrand verkauft unter anderem stark reflektierende Hoodies und unauffällig aussehende Hemden wie das „Flashback Camo-Plaid Shirt“. In seinen Stoff eingewebt sind Nano-Glaskugeln, die Licht so stark reflektieren, dass die Streustrahlung Kamerasensoren erblinden lässt – die Anti-Spy-Fashionistas werden nur noch als schwarzes Etwas erfasst.
So vielfältig die Tarnmöglichkeiten sind – es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Algorithmen lernen, die Ablenkmanöver zu umgehen, andere biometrische Erkennungstechnologien eingesetzt werden (wie etwa die Analyse des Gangs oder von Gesten) oder der Gesetzgeber Täuschern einen Riegel vorschiebt. Das Wettrüsten wird also weitergehen.
(bsc)