Echt jetzt?

Der Kognitionspsychologe Donald D. Hoffman bietet seinen Lesern mit seinem Buch über die Realität, wie wir sie wahrnehmen, ein anspruchsvolles Verwirrspiel an.

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Echt jetzt?

(Bild: Verlag)

Lesezeit: 3 Min.

Dass unsere Wahrnehmung nur "Relativ real" ist und wir gemessen an den Möglichkeiten, die die Welt der Physik uns anbietet, nur einen frustrierend mickrigen Ausschnitt daraus verwerten können, ist keine Neuigkeit. Auch der Untertitel "Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat" bereitet einen nicht darauf vor, was Hoffman auf den folgenden 360 Seiten mit seinen Lesern vorhat: Er demontiert systematisch und mit von Kapitel zu Kapitel bezwingenderer Logik die Welt, wie wir sie kennen. Am Anfang stehen das Geheimnis unseres Bewusstseins und die erstaunliche Erkenntnis, dass unser Gehirn nicht unbedingt das denkt, wovon wir denken, dass wir es denken.

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Verwirrt? Das ist noch gar nichts. Mit steil steigender Anspruchskurve zeigt Hoffman, dass Schönheit nur ein Kriterium für biologische Fitness ist – also die Fähigkeit, sich zu vermehren und seine Nachkommen erfolgreich aufzuziehen. Er führt uns durch die verschiedenen Argumente für und gegen unsere Wahrnehmung der Realität. Er erklärt das "Fitness schlägt Wahrheit"-Theorem, nachdem die Evolution gar nicht diejenigen bevorzugt, die die Wahrheit erfassen, sondern die fördert, die sich auf das Wesentliche konzentrieren, um die Art zu erhalten – und lässt recht zügig solche aussterben, die nicht den für das Überleben relevanten Teil der Wahrheit wahrnehmen.

Raum, Zeit, Form, Farbe, Geschmack, Geruch, Klang und Bewegung beschreiben nicht etwa die Realität. Sie sind nichts weiter als eine von unseren Sinnen erschaffene virtuelle Welt, die uns durch das Leben führt: das Interface der Wahrnehmung. Selbst die Raumzeit, auf der unser ganzes Weltbild basiert, reduziert er mit einem tiefen Blick in die Welt der Quantenlogik (oder eben Unlogik) auf ein Datenformat, das uns am Leben erhält.

Diese verstörende Sicht liefert immer schon Stoff für Träume – Kinoträume. Eine kurze Plausibilitätsprüfung und die Frage: Welche Pille würde ich nehmen – das ist, was nach Filmen wie "Matrix" bleibt. Aber bei Hoffman geht es nicht um Effekte, um Science-Fiction und Gedankenspiele, die einem wohlige Schauer über den Rücken schicken. Es geht um wissenschaftlich fundierte Logik. Es ist die echte rote Pille. Allerdings zeigt Hoffman nicht, was geschieht, wenn man sie schluckt. Das kann er wohl auch nicht, denn auch er hat dieses Headset auf, das ihm die virtuelle Welt des Homo sapiens zeigt. Was bleibt, ist das verstörende Gefühl, dass er irgendwie recht haben könnte.

Produkt: "Relativ Real"
Verlag: dtv Sachbuch, 360 Seiten
Preis: 25 Euro (E-Book: 19,99 Euro)

(bsc)