Ungeschönter Klinikalltag
Sexistische Kommentare von Kollegen und Vorgesetzten, wirtschaftlicher Druck in der Klinik: Unter einem Pseudonym gibt eine Unfallchirurgin einen Einblick in ihre Arbeit.
Aufgrund des Titels und des Namens der Autorin – Dr. Lieschen MĂĽller – könnte man leicht einen unterhaltsamen Bericht aus dem Klinikalltag erwarten, mit witzigen Anekdoten und kuÂriosen Patientengeschichten. Doch weit gefehlt!
Humorig geht es in dem Werk der pseudonymisierten Verfasserin nicht zu. Vielmehr dokumentiert sie ungeschönt ihren Klinikalltag als Unfallchirurgin und erzählt ohne ärztlichen Fachjargon von ihrem Werdegang, sexistischen Kollegen und zermürbender Bürokratie sowie wirtschaftlichem Druck im Krankenhaus. Dabei wird deutlich, dass man speziell im Fachbereich der Unfallchirurgie als Frau oft allein auf weiter Flur steht.
Um den zuweilen nüchternen Abschnitten doch einen lustigen Anstrich zu verleihen, bringt die Autorin den Lesern ihre Kategorisierung von Ärzten und Patienten in Tierarten nahe. Manche Vorgesetzen verhalten sich wie alte Dinosaurier (mit archaischen Ansichten was etwa die Geschlechterrollen angeht), andere Kollegen oder Patienten wiederum wie Bären, Panther oder Hyänen. Das gerät leider zu ausschweifend.
Nichtsdestotrotz lässt sich das Buch als eine Art "Einführung in den realen Klinikalltag" lesen, das vorrangig vielleicht besonders Medizinerinnen darauf vorbereiten will, was auf sie zukommt. Noch einmal interessanter wird es, wenn es um ihre Erfahrungen bei der Vereinbarkeit von Kind und Beruf geht.
Doch auch fĂĽr Leser, die sonst lediglich in der Patientenrolle im Krankenhaus sind, bietet Dr. Lieschen MĂĽller eine aufschlussreiche LektĂĽre. So aufschlussreich eben, dass sie sich das Pseudonym zulegen musste, da sie sonst um ihren Job fĂĽrchtet.
Dr. Lieschen Müller: "Oha, können Sie denn auch operieren?", hanserblau, 208 Seiten, 14 Euro (E-Book: 10,99 Euro)
(jle)