Internet in Zeiten von Corona: Party als wäre 1999?

Durch die COVID-19-Krise wandern viele gesellschaftliche Aktivitäten ins Internet – und so entsteht ein Gemeinschaftsgefühl wie in seinen besten, frühen Zeiten.

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Internet: Party als wäre 1999?

Ganz so weit zurĂĽckgehen mĂĽssen wir nicht...

(Bild: Ms Tech / Salorenzo Herrera via Unsplash)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Karen Hao
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Alle paar Tage treffen sich zehntausende Instagram-Nutzer bei einer virtuellen Tanzparty, die von DJ D-Nice veranstaltet wird. Die ĂĽberaus beliebten Live-Streams unter dem Motto Club Quarantine haben schon Prominente aus allen Ecken des Internet angezogen, einschlieĂźlich Michelle Obama, Oprah Winfrey und Mark Zuckerberg. Manchmal waren bis zu 150.000 Teilnehmer dabei. Ein paar Stunden lang tanzten Teenager zur selben Musik wie einige der reichsten Menschen der Welt.

Bei manchen weckt dieses Phänomen – das Demokratische daran, das Zusammenkommen einer riesigen Gemeinschaft – ein Gefühl von Déjà Vu. Dasselbe Gefühl beschleicht einen, wenn man mit Fremden plötzlich Back-Tipps austauscht (der derzeit wichtigste Suchbegriff bei Google in den USA) oder auf Google Hangouts ein neues Chatroulette beginnt. Zurzeit ist jeder allein, und alle sind im Alleinsein vereint, und es fühlt sich so an, als würden im Internet die Barrieren zwischen uns verschwinden.

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Ist das eine Illusion oder hat sich wirklich etwas verändert? Dass unser Online-Verhalten nicht genau gleich bleiben würde, war abzusehen. Das Coronavirus hat unser Leben drastisch verändert. Wir sind zuhause eingesperrt, und jede sonst völlig normale Interaktion – Happy-Hours, Umarmungen, Küsse, selbst Wählen oder eine juckende Stelle im Gesicht Kratzen – gilt plötzlich als potenziell tödlich. Trotzdem hätte man in einem Zeitalter erbitterter Grabenkämpfe und schwerer Troll-Provokationen vielleicht nicht erwartet, dass das Internet wieder schön werden würde, wenn sich alles dorthin verlagert.

Es ist so, als würde die Uhr zurückgedreht in eine Zeit, in der es im Web noch ernsthafter zuging. Damals gab uns die Neuerung, eine Stimme zu haben und mit jedem weltweit Kontakt aufnehmen zu können, ein Gefühl von endlosen Chancen und Optimismus. Das war in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren, also vor sozialen Medien und Smartphones. Ins Internet zu gehen, bedeutet damals noch, Zeit sinnvoll zu nutzen, um Gemeinschaft zu suchen.

Das sieht man an der wieder aufkommenden Bereitschaft von Menschen, virtuelle Beziehungen aufzubauen. Bevor wir von sozialen Medien verdorben und distanziert und respektlos wurden, nahmen wir das Internet-Versprechen von glücklich-zufälligen Begegnungen viel ernster. Heute ist es wieder cool, mit Zufallsbekanntschaften herumzuhängen (online, versteht sich). Menschen beteiligen sich an Video-Konferenzen mit anderen, die sie nie zuvor gesehen haben; es gibt Veranstaltungen von Bücherclubs über Happy-Hours bis zu nächtlichem Flirten. Auf Google Sheets werden kollektive Momente der Kreativität geteilt, man sucht nach neuen Pandemie-Brieffreunden und verschickt sanftere, weniger deutliche E-Mails.

Man sieht es auch am Wiederbeleben alter Beziehungen. Bevor Sentimentalität durch ein jährliches Aufräumen der Facebook-Freunde ersetzt wurde, war es ein Vergnügen, mit Kameraden von der höheren Schule in Kontakt zu bleiben oder alte Grundschul-Lehrer zu entdecken. Heute denken wir wieder an unsere alten Freunde, die weit weg sind. Denn im Internet macht es keinen Unterschied mehr, ob man sich mit ihnen trifft oder mit Nachbarn. Und auch Analoges wird wiederentdeckt: Wir verschicken Postkarten, hinterlassen Anrufbeantworter-Nachrichten für die Familie und verschicken Notfall-Pakete.

Natürlich könnten diese Erinnerungen romantisch verklärt sein. Bösewichter gab es auch im frühen Web schon, sagt Andrew Sullivan, CEO der gemeinnützigen Internet Society. Aber damals waren „die Leute vorsichtiger damit, wie sie online kommunizieren“. Einwähl-Verbindungen machten es teuer, endlos lange Foren zu durchsuchen, sodass Zeit im Internet gezielter investiert wurde. Außerdem hatten anfangs nur Personen mit genügend Bildung, Geld und Wissen Zugang dazu, sodass es viel weniger Nutzer gab.

Wird das Internet, wenn die aktuelle Krise vorbei ist, trotzdem ein schönerer und angenehmerer Ort sein? Leah Lievrouw, die sich als Professorin an der University of California in Los Angeles mit gesellschaftlichem Wandel und dem Internet beschäftigt, sieht derzeit tatsächlich ein beispielloses Gemeinschaftsgefühl entstehen. „Wir bemerken, dass wir nicht physisch präsent sein müssen, um zu mobilisieren“, sagt sie. Und das liege nicht an der physischen Infrastruktur, sondern daran, wie wir die Technologie jetzt nutzen.

(sma)