Continental trennt Reifensparte organisatorisch ab
- Gernot Goppelt
Der „Vorstand stellt sich neu auf und öffnet mit strategischer Aufgabenteilung Zukunftsoptionen“ überschrieb Continental gestern die Meldung, dass der Konzern zukünftig in eine „Automotive-Group“ und einer „Rubber-Group“ aufgeteilt wird. Diese durchaus nachvollziehbare Neuorganisation, nach der die „Gummisparte“ einerseits und die bisherigen Bereiche Chassis & Safety, Interior und Powertrain auf der anderen Seite stärker differenziert werden, regt zu Spekulationen an. Die Financial Times Deutschland (FTD) schrieb heute unter dem Titel „Conti stellt Weichen für Aufspaltung“, dass Continental sich eine neue Struktur gegeben habe, die einen möglichen Verkauf der Reifensparte erleichtert.
Mit der Neuausrichtung gibt es auch eine neue Aufgabenverteilung im Vorstand: Vorstandsvorsitzender Dr. Karl-Thomas Neumann wird ab 1. Oktober die Automotive-Gruppe führen, sein Stellvertreter Alan Hippe die Rubber-Gruppe. Ausgesprochen distanziert wirkt die Erklärung des Aufsichtsrats, der „diese vom Vorstand entwickelte neue Aufgabenzuordnung am Dienstag in Hannover zur Kenntnis genommen“ hat. Die Äußerungen von Dr. Neumann lesen sich dabei wie die vorsichtige Ankündigung weiterer Schritte: „Nach einem elementaren Strategiewechsel hat Continental … zwei starke Unternehmensgruppen entwickelt, die sich auf zwei deutlich unterschiedliche Geschäftsfelder konzentrieren: Automotive und Rubber… Wir lassen jetzt die konsequenten, logischen Schritte folgen und bilden nicht nur als Pendant eine starke Rubber-Group, sondern schaffen gleichzeitig pro Group ganz klare Führungs- und Verantwortungsstrukturen.“ Auch Hippe scheint mit seinen Worten schon weitere Schritte anzudeuten: „Mit unserem Vorgehen eröffnen wir jetzt beiden Unternehmensgruppen zusätzlichen Spielraum, um mit deutlich erweiterter Souveränität auf die jeweiligen Entwicklungen und Optionen in ihren unterschiedlichen Geschäftsfeldern agieren zu können“.
Michelin-Chef Michel Rollier hatte erst vor rund einer Woche in etwas verklausulierten Worten zum Ausdruck gebracht, dass der französische Reifenhersteller die Möglichkeit einer Übernahme „mit großer Aufmerksamkeit prüfen will“, falls sich die Gelegenheit dazu ergeben würde. Laut FTD könnten auch japanische Reifenhersteller wie Bridgestone, Yokohama oder Sumitomo als Interessenten auftreten, um ihre Stellung in Europa zu stärken. Zwar trägt die Reifensparte zu mehr als der Hälfte der letztjährigen Erlöse von 16,6 Mrd. Dollar bei und beim Gewinn trug die jetzige Rubber-Group sogar einen größeren Anteil bei. Doch genau das könnte sich als Vorteil erweisen, um einen guten Preis beim Verkauf zu erzielen. Denn Schaefflers Einstieg bei Continental war eine teure Investition in die Zukunft, bei der sich das fränkische Unternehmen finanziell weit hinausgelehnt hat. Wo Karl-Thomas Neumann die Zukunft des Unternehmens sieht, hat er bei der Eröffnung der Li-Ion-Batterien-Produktion in Nürnberg in der vergangenen Woche zum Ausdruck gebracht. „Conti+Schaeffler = Elektronik+Mechanik“ sagte er, Gummi scheint in dieser Formel keine Rolle zu spielen.
Schaeffler wird laut Spiegel Online nachgesagt, durch die Conti-Übernahme eine hohes finanzielles Risiko eingegangen zu sein. Dass das Familienunternehmen ins Blaue hinein gehandelt hat, ist freilich kaum anzunehmen. Seine Vertreter wissen ebenso gut wie Conti-Chef Neumann, dass auf dem Weg zu automobiler Zukunftstechnik alte Zöpfe abgeschnitten werden müssen. Das bedeutet wohl, viel zu investieren, Traditionsgeschäft aufzugeben und zur Not sogar eine wirtschaftliche Talsohle in Kauf zu nehmen. Gestern hatte Karl-Thomas Neumann gesagt, dass Werksschließungen für sein Unternehmen nicht auszuschließen seien. „Garantien können wir nicht geben. In der Auto-Industrie bekommt man nichts geschenkt“, sagte er der Süddeutschen Zeitung. (ggo)