Amerikas Autobauer wollen noch mehr Geld
- Gernot Goppelt
Beim neuerlichen Versuch, Milliardenhilfen von der amerikanischen Regierung zu bekommen, pokerten die drei großen US-Autobauer gestern noch höher als bisher – wenn auch offenbar unfreiwillig. Waren sie bisher mit ihren Bitten um Hilfen in der Größenordnung von 25 Milliarden abgeblitzt, baten sie den Kongress gestern sogar um 34 Milliarden Dollar. Nachdem bekannt wurde, dass die Verkaufszahlen der Big Three im November um durchschnittlich 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahresnovember einbrachen, scheint es auch finanziell noch enger auszusehen als bisher angenommen. Während der Absatzrückgang bei Ford und Chrysler bei 30,5 und 47.1 Prozent lag, verlor GM 41,3 Prozent. Mit 153.404 verkauften Fahrzeugen führt das Unternehmen übrigens noch immer die Zulassungsliste an, Toyota folgt mit knapp über 130.000 verkauften Fahrzeugen. Wirklich verschont von den Rückgängen blieb kein Autobauer, sieht man von Exoten wie Ferrari und Subaru ab. Sämtliche Großserienhersteller im amerikanischen Markt müssen Verluste zwischen 21,5 Prozent (Volkswagen) und 49,6 Prozent (Jaguar/Land Rover) hinnehmen.
Nach einem Bericht der Los Angeles Times braucht allein GM 18 Milliarden Dollar, um die Krise zu überstehen. Noch im November hätte das Unternehmen angegeben, genügend Geld für die erste Jahreshälfte 2009 zu haben. „Einen Plan B“ habe das Unternehmen auch nicht in der Schublade, sagte GM-Präsident Fritz Henderson. Als Gegenleistung für finanzielle Hilfen will GM kräfig sparen. Das heißt konkret, Saab und Saturn zu verkaufen, unter der Marke Pontiac nur noch einige Nischenmodelle anzubieten, 31.000 von derzeit 96.000 Angestellte zu entlassen und 2000 Händlern zu kündigen. Topmanager sollen zukünftig mindestens 20 Prozent weniger verdienen, GM-Chef Rick Wagoner will 2009 für ein symbolisches Gehalt von 1 Dollar arbeiten.
Alle drei US-Autobauer wollen sich zudem verpflichten, erheblich sparsamere Fahrzeuge zu bauen. Ford verspricht, bis 2010 einen Kleinbus mit Elektroantrieb und ab 2011 elektrisch betriebene Pkw anzubieten. Zudem will das Unternehmen prüfen, ob sich Volvo verkaufen lasse, betont aber gleichzeitig, dass es wohl keinen Zugang zu den 9 Milliarden Dollar bräuchte, um die es gebeten hatte. Fords Finanzvorstand Jim Farley glaubt, genügend Geld in den Kassen zu haben, um den derzeitigen Abschwung zu überstehen. Chrysler dagegen geht nach wie vor davon aus, dass dem Unternehmen nur eine Kooperation oder ein Zusammengehen mit einem andere Autobauer helfen kann, dadurch könnten jährlich 9 Milliarden Dollar eingespart werden.
Wie der Kongress auf die neuen Vorschläge der Autobauer reagiert, ist noch unklar. Senator Carl Levin aus Michigan glaubt, dass irgendeine Form von finanzieller Hilfe lebenswichtig sei. Alle Unternehmen weltweit hätten dieselben Probleme und auch in anderen Ländern sei Hilfe für die Autoindustrie zu erwarten, von der so viele Arbeitsplätze abhingen. Eher hinter den Kulissen dürften sich Wirtschaftspolitiker mit einem weiteren Problem beschäftigen: Sollten bei GM tatsächlich die Lichter ausgehen, wäre auch die Zuliefererindustrie betroffen. Die Lieferanten stehen weltweit ohnehin unter extremem Kostendruck und es dürfte einige geben, die wegbrechende Aufträge in größerem Umfang nicht verkraften können. Das wiederum könnte auch für deren Kunden zum Problem werden. Zwar ist es bei Autobauern üblich, sich für ein Zulieferteil durch mehrere Lieferanten abzusichern. Doch das gilt nicht für allen Komponenten; ein Getriebelieferant etwa lässt sich nicht so einfach ersetzen – Automobilhersteller mit einer hohen Fertigungstiefe sind von diesen Problemen noch am wenigsten betroffen. (ggo)