Facebook und der Fahrstuhl

Auf der Suche nach dem Knopf, den man drĂĽcken muss, damit die Hausverwaltung aus dem Winterschlaf erwacht, sind Fortschritte zu verzeichnen.

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Von
  • Peter Glaser

Mitte Februar ging der Fahrstuhl kaputt. Das ist insofern ärgerlich, als ich im Rollstuhl sitze. Bereits der erste Besichtigungstermin vor drei Jahren war zweimal verschoben worden – Softwareprobleme in der Fahrstuhlsteuerung. Ich hatte das für eine Kinderkrankheit gehalten. Softwareprobleme sind eine moderne Unumgänglichkeit. Manchmal fiel der Fahrstuhl dann für mehrere Tage aus und ich war jedesmal froh, dass ich gerade zu Hause war als es passierte, dass ich Freiberufler bin und zu Hause arbeite. Homeoffice, you know?

Ein roter Aufkleber verhieß: "Kein Zutritt. Wir arbeiten an Ihrem Aufzug. Er steht Ihnen schon in Kürze wieder zur Verfügung." Drei Wochen später, Fahrstuhl immer noch kaputt. Mitte März appellierte die Kanzlerin an die Bürger, auf Sozialkontakte zu verzichten. Der kaputte Aufzug hatte mich längst zum Avantgardisten gemacht. Da es dadurch auch keinen Smalltalk im Flur mehr gab, erfuhr ich erst weitere zwei Wochen später zufällig von einem Schreiben der Hausverwaltung in Sachen Fahrstuhl.

Ich war nicht sicher, ob es noch Dummheit oder schon Bosheit war, dass das Schreiben im Erdgeschoß ausgehängt war, wo ich nicht hinkam, weil der Fahrstuhl defekt war. Ich hatte schon mehrfach vergeblich versucht, die Hausverwaltung auf die Segnungen moderner elektronischer Kommunikation hinzweisen – schneller und kostengünstiger als per E-Mail oder WhatsApp geht's nicht. Der Aushang enthielt eine klassische Freudsche Fehlleistung: Statt "wir entschuldigen uns" stand da "wir entschuldigen die ungewöhnlich lange Reparaturdauer". Das zu entschuldigen aber war Sache der Betroffenen.

Ich schrieb dem Geschäftsführer der Hausverwaltung, ob nicht der Hausmeister auf seinem täglichen Rundgang meine Post raufbringen und meinen Müll runterbringen könne, und ob es nicht Vorschläge für einen alternativen Zugang zu meiner Wohnung gebe, und um ihn zu erschrecken: etwa mit einem temporären Aufzug vor meinem Balkon im 1. Stock.

Die dreiste Antwort: Ich hätte keine explizit barrierefreie Wohnung gemietet und könne daher auch keine diesbezüglichen Forderungen stellen. Ich habe eine Wohnung mit funktionierendem Aufzug gemietet. Anfang Mai, inzwischen in einer anderen, der Coronakrisen-Zeit, simste ein Nachbar, der Fahrstuhl ginge womöglich wieder, die Aufkleber seien weg. Ich war misstrauisch. Drei Tage später, als ich es doch mal riskieren wollte, war der Fahrstuhl bereits wieder kaputt.

Dann bat ich Freunde, mir bei der Anfertigung eines Transparents behilflich zu sein, das aufs Balkongeländer kam: AUFZUG SEIT MITTE FEBRUAR DEFEKT. BIN GEFANGEN, ABER UNSCHULDIG. Und das Rollstuhlsymbol. In jedem Gulag hat man täglich Hofgang, nichtmal das war mir vergönnt. Nachdem sie sich in drei Monaten einzig mit dem Schreiben im Erdgeschoß bemerkbar gemacht hatte, meldete die Hausverwaltung sich bereits drei Stunden nachdem das Transparent hing. Ich müsse es wieder abnehmen, die äußere Gestaltung der Wohnanlage bedürfe der Genehmigung der Verwaltung. Hihi.

Jemand aus dem Haus fotografierte das Transparent und stellte das Foto auf Facebook, wo es ein Baustadtrat sah, der die Bauaufsicht verständigte, die bei mir anfragte, wer unsere Hausverwaltung sei. Vier Tage später fuhr der Fahrstuhl wieder, nebst offizieller Freigabe. Der Hausverwalter war beleidigt, ich hätte ihn bei der Bauaufsicht angeschwärzt. "Nein", antwortete ich mailwendend, "das funktioniert heutzutage ganz anders."

(bsc)