Post aus Japan: Tokio zwischen Tradition und Hypermoderne
Hochhaus neben Holzhaus – das ist Nippons Megacity. Wolkenstürmerische Ambitionen und zäher Widerstandswille schaffen dieses bautechnologische Kontrastprogramm.
(Bild: Mori Building)
- Martin Kölling
So wie das neue Hochhaus-Projekt des Immobilienkonzerns Mori Building sieht das hypermoderne Tokio aus. Mitten in der Stadt wird ein alter Wohnbezirk in einen Hauskomplex verwandelt, das Toranomon-Azabudai-Projekt. Der Abriss der kleinen Häuser, die einst das Viertel im Stadtteil Azabudai prägten, hat nach 30 Jahren Diskussion und Planung im Jahr 2019 begonnen. Und Mori hat etwas ganz besonders vor: Mit dem größten Bauvorhaben des Konzerns wollen die heutigen Manager die Philosophie des verstorbenen legendären Firmen-Patriarchen Minoru Mori buchstäblich auf die Spitze treiben.
Vertikale Gartenstadt
Inspiriert vom französischen Architekten Le Corbusier wollte Mori seine Heimatstadt mit über 40 Stockwerke hohen Türmen in eine vertikale Gartenstadt verwandeln, in der die Menschen dort wohnen und sich unterhalten können, wo sie arbeiten. Mori hat dieses Konzept schon mehrfach umgesetzt, zuletzt beim Komplex Toranomon Hills. Doch erst das neue Projekt bietet endlich den vollen Funktionsumfang einer recht großen Kleinstadt auf.
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Ein Büroturm mit Luxushotel und Penthouse-Wohnungen soll zu einem Zentrum des japanischen und globalen Jetsets werden. Selbst eine internationale Schule wird einquartiert. Daneben entstehen ein weiterer Wohnturm und – eingefügt in einen Park und Einkaufspromenaden – weitere Wohnanlagen, wo unter anderem die ehemaligen Bewohner der alten unmodernen Häuser des Viertels ihr neues Leben in Luxus fristen dürfen.
Nicht weit davon entfernt demonstriert Mori Building in seinem Stadtentwicklungslabor mit einem mehrere hundert Quadratmeter großen Modell von Tokio, dass es noch enormes Baupotenzial in der größten Megacity der Welt gibt. Denn die Realität ist extrem weit von Moris Traum der High-End-Stadt entfernt.
Skyscraper und Holzhaus
Selbst in unmittelbarer Nachbarschaft von Skyscraper-Siedlungen stehen noch Stadtviertel mit schlichten Einfamilienhäusern, die in Japan oft aus Holz gebaut sind. Wer sich ein bisschen in Tokio auskennt, blickt auf diese Stadtstruktur üblicherweise aus der Froschperspektive. Nun können diese Muster hier im Labor von oben studiert werden.
Vor und nach dem Krieg glich Tokio einem Meer an flachen Holzhäusern. Entlang der Hauptstraßen förderten die Stadtplaner dann zuerst den Bau von mehrgeschossigen Betonhäusern, die eine doppelte Funktion erfüllten: Sie dienten sowohl der Verdichtung der Bevölkerung als auch als städtebauliche Feuerschutzwände. Denn Brände sind in Japan wegen der Erdbeben eine große Gefahr.
Doch hinter den oft gesichtslosen Fassaden entlang der Hauptstraßen, die sich in Japans Großstädten ähneln, erstreckt sich oft weiterhin ein Gewirr von Gassen mit Wohnhäusern, Läden und Restaurants. Manchmal wurden die neuen Gebäude auch um ein kleines Haus herumgebaut. In diesem Fall hatte sich der Besitzer geweigert, sein Grundstück zu verkaufen. Und Enteignungen werden in Japan nur extrem selten durchgeführt.
Haus auf der StraĂźe
Auf der einen Seite führt diese sanfte Bauplanung zu lustigen Phänomenen. In meinem ersten japanischen Wohnort Asaka, einer Vorstadt Tokios, wurde das Gebiet um den Bahnhof neu bebaut. Allerdings hatte sich ein Besitzer eines eingeschossigen zugigen Holzhauses, das eher einer Baracke glich, stur gestellt. Und so stand sein Haus jahrelang halb auf der Straße, bis er doch verkaufte.
Beim internationalen Flughafen Narita hat nicht einmal die Taktik gewirkt, den Widerstand eines obstinaten Bauern "weichzufliegen". Er hat bis heute sein GrundstĂĽck behalten. Daher hat der Taxiway einer der Start- und Landebahnen eine Kurve, wo er rationaler Weise eigentlich schnurgerade verlaufen sollte.
Auf der anderen Seite bremst der Verzicht auf Enteignungen aber auch die amtlichen Pläne, die Stadt besser gegen Erdbeben und Feuerbrände zu schützen. Seit Jahrzehnten versucht die Stadtregierung, die engen Gassen und alten Holzhäuser aus den 60er- und 70er-Jahren abzuschaffen, die heutige Erdbeben- und Brandschutzstandards nicht mehr erfüllen.
Kein Auto kommt vorbei
Wie schleppend das nur gelingt, zeige ich Besuchern gerne im Stadtbezirk Kita-Senju. Ein paar Gehminuten vom Bahnhof beginnt eines jener Viertel, die nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampft wurden. Die alten Häuser aus mit Pressholz beschlagenen Holzfachwerken bilden so enge Gassen, dass nicht einmal ein Auto passieren könnte. An einigen Stellen können Fußgänger sogar mit ausgestreckten Armen die beiden Häuser am Straßenrand berühren.
Dass dieses Viertel kein Einzelfall ist, zeigen die Löschwagen der Feuerwehr. Nicht nur sind die Wagen viel kleiner als in Deutschland, damit sie nicht schon in den kleinen Straßen stecken bleiben. Zudem führen sie im Heck teilweise trag- oder rollbare Wasserpumpen mit, mit denen die Brandbekämpfer in die Gässchen stürmen können.
Wann immer nun ein Besitzer stirbt, versuchen die Stadtplaner Grundstücke zusammenzufassen und neu zuzuschneiden, um die Gässchen zu Gassen zu erweitern. Doch diese geduldige biologische Lösung des Problem hat dazu geführt, dass die gewünschte Struktur bisher nur in wenigen Ecken des Viertels verwirklicht werden konnte. Moris Erben werden daher noch lange warten müssen, bis sich die Vision des Vordenkers vom Turmbau zu Tokio erfüllt. Für eine schnelle Verwandlung ist die Megacity mit ihren fast 14 Millionen Einwohnern einfach zu groß – und einzelne Bürger zu widerspenstig.
(bsc)