Was war. Was wird. Vom entfristeten Denken über den Tellerrand.
Wer aufrecht geht, fällt schneller hin, weiß Hal Faber. Man kann Denkmäler stürzen und sogar Abfall loben, aber besser nicht Menschen und Müll zusammenbringen.
(Bild: Maniac Media / shutterstock.com)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
(Bild: Magazin "Change", Bertelsmann Stiftung)
*** Der aufrechte Gang hat seine Tücken. Man fällt als Zweibeiner schneller hin als als Vierbeiner. Manche gehen schief und krumm, sind weit entfernt vom stolzen Gang, der den Menschen als Krone der Schöpfung auszeichnet und die aufrechten Journalisten und Journalistinnen als krönendsten unter all den Gekrönten. Deshalb schreibe ich hier mal ganz profanatief "All journos are berufsunfähig" in Anlehnung an eine Kolumne, die über die Abschaffung der Polizei geschrieben wurde: All cops are berufsunfähig. Selten war eine aus dem Amerikanischen kommende Forderung wie "Defund the police" dämlicher umgesetzt worden. Am Ende schlägt die Autorin vor, die überflüssigen Polizisten auf einer Mülldeponie unterzubringen. Das verärgerte nicht nur die beiden Polizeigewerkschaften, die kleine, rechtsaußen angesiedelte Deutsche Polizeigewerkschaft des Deutschen Beamtenbundes und die große Gewerkschaft der Polizei des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Selbst eine Mit-Kolumnistin wehrte sich dagegen, Menschen und Müll zusammenzubringen, während verzweifelt versucht wurde, inmitten des Burgfriedens mit dem Lob des Abfalls als Zukunft der Menschheit die Wahrheit zu verkünden. Das alles brachte natürlich auch die deutschen Innenminister auf den Plan, die mit einer pompösen Erfurter Erklärung sich hinter die deutsche Polizei in ihrer ganzen Selbstreflektiertheit stellt.
*** Womit wir bei einem Lieblingsthema der kleinen Wochenschau gelandet wären. Denn die anlassunabhängige Vorratsdatenspeicherung kam in Erfurt unter dem hübschen Namen der Mindestspeicherfristen zu neuen Ehren, zusammen mit der Forderung nach Identifizierbarkeit im Internet. All dies erfolgte unter dem Eindruck einer Ermittlung zum Kindesmissbrauch in Münster, bei der die Polizei im Mai 2019 Rechner und Smartphones eines Tatverdächtigen sicherstellte. Mangels Personal machte man sich erst im November an die Entschlüsselung der Systeme, um schließlich im Mai 2020 die Festplattenverschlüsselung des Laptops zu knacken, der die entscheidenden Hinweise enthielt. Doch dort, wo es an Personal mangelt, gibt es andere Wege, zu finden im Referentenentwurf zur Anpassung des Verfassungsschutzrechtes. Liest man, was in den Paragraphen 2 und 11 formuliert wurde, so gibt es künftig eine Mitwirkungspflicht der Kommunikationsdiensteerbringer, wenn Nachrichtendienste wie der Verfassungsschutz ihre "Quellen-TKÜ" auf den Laptop eines Verdächtigen aufspielen wollen. Was wie ein normales Update aussieht, kann ein Programm zur "Ausleitung von Daten" sein. Herzallerliebst ist auch die "Entfristung" aller Maßnahmen. Gedenken wir den beschwichtigenden Erklärungen nach dem 11. September 2001, dass alle Antiterror-Maßnahmen doch befristet seien, mit einem Kranz am Grabmal der unbekannten Demokratie.
*** Statt "Defund the police" wäre "Define the police" vielleicht der bessere Ansatz. In der Zeitung, die sich die Polizei auf die Müllhalde wünscht, ist auch ein Artikel über die Smart Enough Cities erschienen, die nicht jede Straßenlampe mit Sensoren und QR-Codes und anderen Spielereien ausrüsten, sondern sich sozialpolitischen Zukunftsfragen stellen. Dabei wird auch die Rolle der Polizei neu definiert, wie das Beispiel von Jonson County im US-Bundesstaat Kansas zeigt. Der Bezirk hat eine Datenbank aufgebaut, die vorbestrafte, psychisch kranke Menschen davor schützen soll, von der Polizei aufgegriffen zu werden und wieder im Gefängnis zu landen. Bleibt die Frage, ob ähnliche Projekte nicht auch in Deutschland sinnvoll sind.
*** Wumms, Rumms, Futschikato: Erst verschob man die Bilanzvorlage, dann meldete sich der Chef mit einer kuriosen Videobotschaft zu Worte und schließlich trat Markus Braun zurück. Der Mann, der auf zahllosen Veranstaltungen wie Digital Life Design als deutscher Jeff Bezos gefeiert wurde, musste zugeben, dass Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro fehlten. Sie wurden irgendwo zwischen München Aschheim, Singapur oder Manila verloren. Eine hartnäckige Recherche der Financial Times, für die das Blatt in den deutschen Finanzblättern verspottet wurde, hat sich bestätigt. Doch was soll's, es ist ja nur "stupid German money" und so kann man lesen, dass bei Wirecard irgendwo ein interessanter Kern zu sein scheint.
Videos by heise
*** Das mit dem interessanten Kern kann man auch bei der Firma Augustus Intelligence vermuten, die mit Wolfgang Haupt ebenfalls einen Rücktritt zu verzeichnen hat. Ob Augustus wirklich eine Firma für künstliche Intelligenz, ein verkappter Nachrichtendienst oder eine Organisation des tiefen Staates ist, erschließt sich noch nicht, denn die Firma operiert nach eigenen Angaben im Tarnkappen-Modus. Alles ist schwer geheim, von der Software bis zu den Mitarbeitern: "Das ist auch der Grund, weshalb Mitarbeiter von Augustus Intelligence ihren Arbeitgeber derzeit noch nicht auf LinkedIn oder ähnlichen Plattformen veröffentlichen, Büros nicht aktiv beworben werden und online bisher noch vergleichsweise wenig Informationen zu finden sind." Rund 100 Mitarbeiter leben abgetaucht im Irgendwo, doch es werden noch viele gesucht. Auch für Nebentätige ist wieder Platz. Wer übrigens wissen will, was künstliche Intelligenz so macht und sich nicht die Youtube-Videos von Pascal C. Weinberger anschauen möchte, dem winkt ein neues Buch. Niemand anderes als der Talkosoph Richard David Precht macht sich Gedanken über Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Wie heißt es in einer Rezension? "Precht mausert sich zum Weltexperten – gut so. Wir brauchen Männer wie ihn, die über den Tellerrand schauen, anstatt nur Zuhause ihren Hegel oder Heidegger zu studieren. Das wäre zu roboterhaft-dystopisch." Was kommt nach Precht, dem Weltexperten? Sicher Chris Boos, der deutsche Steve Jobs.
Was wird.
Harte weise Männer, die über den Tellerrand schauen, sind nichts gegen weiße Frauen mit Durchblick. Da wäre die Politikerin Dorothee Bär, die gerne möchte, dass viele Menschen die Corona Warn-App installieren, die seit dieser Woche verfügbar ist. Hart tadelte sie die Bundesbürger, wenn diese alte Smartphones nutzen, auf denen die App nicht laufen kann. Wer alte Funkknochen hat, die kein Bluetooth Low Energy können, ist für Bär einfach zu bequem sich ein neues zu kaufen. Zu bequem oder zu arm, das ist die Frage, die Politiker beschäftigt. Da muss dringend eine gesetzliche Regelung her, die dem Missstand ein Ende bereitet. Wie wäre es, wenn neben der von einer anderen weißen Frau angedachten Tierwohlabgabe auf Fleisch gleich ein Gesundheitswohlzuschlag für das Smartphone eingeführt wird? Parallel dazu wäre einigen Journalisten etwas technische Nachhilfe zu gönnen, wenn sie zwischen Tracing und Tracking nicht unterscheiden und von einer finsteren Militärtechnologie schreiben.
Auch in dieser Woche sind im Zeichen antirassistischer Proteste wieder ein paar Denkmäler bemalt, Statuen geköpft und Monumente gestürzt worden. Nein, Hegel und Heidegger blieben verschont, während Kant in Kaliningrad immerhin in Erwägung gezogen wurde. Kluge Köpfe kritisieren die Aktionen als selbstzufriedene Taten und bemängeln, dass mit all der Bilderstürmerei kein ordentlicher Regimewechsel einhergegangen ist, nicht einmal das kleinste Revolutiönchen. Noch Klügere machen sich Gedanken über neue Denkmäler. Nun soll ab Sonntag in Gelsenkirchen ein Lenin-Denkmal zu sehen sein, das bereits am Samstag eingeweiht wurde. Statt Lenin von den Füßen wieder auf den Kopf zu stellen, machen sich andere kluge Köpfe Gedanken darüber, wie man das Denkmal erweitern kann: Wie wäre es mit einem Stalin, einem Mao Tse-tung oder gar mit der ganzen Sippschaft der Kim-Familie, das Ganze akustisch begleitet durch eine Klanginstallation von Erich Honecker?
(tiw)