Wem vertrauen?
Warum sehen Menschen Impfstoffe und andere medizinische Errungenschaften nicht als Segen an, sondern als Instrumente der sozialen Kontrolle?
- Peter Glaser
Der Medizin des 18. Jahrhunderts fehlte die wissenschaftliche Grundlage. Unser Problem heute könnte darin bestehen, dass es zu viele Therapien für alles mögliche gibt. Diese Vervielfachung an Behandlungsmöglichkeiten hat zu einer kritischen Reaktion geführt, einem skeptischen Umgang mit der gesellschaftlichen Rolle der Schulmedizin und einem anhaltenden Interesse an Alternativmedizin, vor allem aber an einer gefährlichen Skepsis gegenüber Impfstoffen.
In den 1950er Jahren wurde der therapeutische Fortschritt der Medizin erstmals von Bedenken wegen ihrer zunehmenden sozialen Autorität überschattet. Mediziner legten den Übergang von der Abweichung zur Krankheit fest, diagnostizierten bei Kindern zunehmend Hyperaktivität und holten Alkoholismus als Krankheit an Bord. In den 1940er Jahren wurden die Antibiotika entwickelt, in den 50ern ein erfolgreicher Polio-Impfstoff und neue Medikamente zur Behandlungen psychischer Krankheiten. Es gab viel zu feiern - und viel zu fürchten.
Ende der 50er wurde ein Mittel zur Behandlung der Morgenübelkeit bei Schwangeren verkauft: Contergan, das, wie sich später zeigte, schwere Missbildungen bei der Geburt verursachte. Pharmaunternehmen wurden daraufhin zwar schärfer reguliert, aber schwere Fehler blieben trotzdem nicht aus. Kurz nach der Zulassung des ersten Polioimpfstoffs wurden in den USA 200.000 Kinder mit einem nicht ausreichend abgetöteten Poliovirus geimpft, Ergebnis: 40.000 an Polio erkrankte Menschen, von denen 200 gelähmt blieben und 10 starben.
Die neuen sozialen Bewegungen der 60er förderten kollektivistische Ansichten zur Verbesserung der Gesundheit, während sich die Medizin zunehmend auf individualistische Lebensweisen konzentrierte. In einer Studie zur Herzgesundheit wurde 1948 erstmals der Begriff „Risikofaktor“ verwendet. In diesem Umfeld kam auch die Antipsychiatrie auf und attackierte die psychiatrische „Renormierung“ von Menschen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprachen. Der Roman „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath erzählte 1963 von einem geistigen Zusammenbruch und der Behandlung mit Elektroschocks. Die Psychiater R.D. Laing und Thomas Szasz vertraten die Ansicht, dass psychische Krankheiten eine vernünftige Reaktion auf eine kranke Gesellschaft seien. Bis in die 1970er Jahre hatte sich der erst nur gegen die Psychiatrie gerichtete Verdacht der sozialen Kontrolle auf einen Großteil der übrigen Medizin ausgebreitet und ein kritisches Empfinden anwachsen lassen, mit ihm das Interesse an Naturheilverfahren und Patientenautonomie.
In den 1980er und 90er Jahren benannten Soziologen ein neues Phänomen, die „Biomedizinierung“. Sie offenbarte sich in einer Zunahme von Gentests, Früherkennungsverfahren und der intensiven Kalibrierung von Ernährung, Bewegung und Medikamenten für das Wohlbefinden. Die Biomedizin konzentrierte sich auf Prävention durch Risikobewertung. Sie beschriebt nicht nur die Normalisierung, sondern auch die vorausschauende Optimierung des Körpers. Inzwischen wird die Regulierung von Verhaltensweisen und Körpererfahrungen als soziale Verpflichtung angesehen.
In letzter Zeit nimmt die Enthüllung fehlerhafter Forschungsergebnisse, gezielter Täuschung und ethischer Konflikte bei der wissenschaftlichen Begutachtung von Fachkollegen zu. Pharmaunternehmen beeinflussen die Mediziner, sodass sie Abstraktionen statt körperlicher Symptome behandeln. In Deadly Medicines and Organised Crime beschreibt der dänische Arzt Peter Gøtzsche korrupte Beziehungen zwischen Ärzten und staatlichen Aufsichtsbehörden sowie die Absprachen zwischen medizinischen Fachzeitschriften und der pharmazeutischen Industrie.
In diesem Geflecht spielen Impfstoffe eine zentrale Rolle. In den 1960er Jahren veränderte ihre Entwicklung gegen Kinderkrankheiten die Sicht von Medizinern auf diese Krankheiten. Sie wurden zu durch Impfung vermeidbaren Krankheiten, gleichzeitig wurden sie immer eingehender untersucht und als noch bedrohlicher dargestellt als zuvor. Befürchtungen, dass Mehrfachimpfungen gefährlich sein könnten oder dass Impfstoffe Autoimmunkrankheiten auslösen könnten, finden sich auch in den heutigen Impfdisskussionen wieder. Seit Mitte der 1980er Jahre stehen Impfstoffe im Fokus der Biomedizin. Der moderne Impfstoffdissens ist ein Echo der Kritik an der sozusagen Medizinalisierung und Biomedizinisierung. Impfstoffskeptiker hängen dem seit langem bestehenden Misstrauen gegenüber der Mainstream-Medizin an. Sie unterstellen ihr zu viel soziale Autorität und eher Interesse am Profit als an der Gesundheit. Auf was und wem vertraut man dann?
Die Moderne erkennen wir an den technologischen Fortschritten, die unseren heutigen Lebensstandard ermöglicht haben, zugleich aber auch an der Befürchtung, dass dieselben Fortschritte zu unserem Untergang führen. Impfstoffe sind eine Art Brennglas für dieser Art von Bedenken. Sie zeigen die Möglichkeit, Krankheiten zu verhindern, die die Menschheit seit Anbeginn terrorisiert haben. Weil es sich beim Impfen aber um die medizinische Behandlung gesunder Menschen handelt, bekommen sie eine überdimensionale symbolische Bedeutung - sind sie Retter der Menschheit oder eine Demonstration von Versuchen, die Naturkräfte zu kontrollieren? Die Paranoia der Impfgegner vor unentdeckten Nebenwirkungen und potenziellen Gefahren zielt auf die Achillesferse der medizinischen Wissenschaft - dass es unmöglich ist, nachzuweisen, dass X niemals Y verursacht, sondern nur, dass es nicht nachgewiesen wurde.
In der gegenwärtigen Pandemiekrise werden Meinungsverschiedenheiten über die richtigen Maßnahmen auf demselben Terrain ausgetragen. Während einige Impfstoffskeptiker aufgrund der unmittelbaren Bedrohung durch COVID-19 ihre Meinung zu ändern scheinen, blühen andere bei lautstarken Protesten gegen Regierungsmaßnahmen zur Eindämmung des Virus auf. Man kann solche Demonstranten einfach als wissenschaftsfeindlich abqualifizieren, aber es ist womöglich erkenntnisreicher, sie vor dem Hintergrund einer langen Geschichte der Besorgnis über die soziale Rolle der Medizin zu sehen. Gut möglich, dass ein Coronavirus-Impfstoff diese Spannung noch verstärken wird, die aus der Frage hervorgeht, was es bedeutet, ein moderner Mensch zu sein - mit Werkzeugen, die uns retten oder zerstören können.
(bsc)