Das Mutterschiff der New-Economy-Magazine geht unter

Der amerikanische Industry Standard stellt nach drei Jahren am Markt sein Erscheinen ein.

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"4 Ausgaben frei", verheißt ein Werbebanner nach wie vor auf der Website des Industry Standard. Doch das kostenlose Probeabonnement können sich die Surfer sparen: Die aktuelle Ausgabe des 1998 erstmals erschienenen Wirtschaftsblattes wird zugleich die Letzte sein. Das teilte der Mutterverlag Standard Media International kurz vor dem Wochenende mit, nachdem Gespräche mit Investoren gescheitert und die Anzeigenumsätze eingebrochen waren. Einer der international bekanntesten Geschichtsschreiber der New Economy ist damit am Ende.

"Der Standard" – das Magazin bezeichnete sich selbst gern in dieser Kurzform und war während seiner kurzen Blütezeit tatsächlich zu einem Vorbild und Standard für andere Blätter rund um die Netz-Ökonomie wie etwa Business 2.0 geworden – war ganz ein Kind des Startup-Booms, auch wenn er in der Berichterstattung oft weniger euphorisch das Treiben der Gründer analysierte als viele Nachfolger. Obwohl der Standard Media Verlag zwischenzeitlich zu einem Konzern mit rund 400 Mitarbeitern herangewachsen war, reiht er sich nun nahtlos in die Serie von Dot.com-Pleiten ein, die Aussterben einer ganzen Gründergeneration markiert.

1997 machte sich John Batelle, der sein Handwerk vor allem beim damals als "Hauspostille der digitalen Revolution" geltenden Magazin Wired gelernt hatte, zusammen mit einer kleinen Crew auf, um sein Stammblatt noch zu toppen und die Geburt der "neuen Ökonomie" mit einem anspruchsvollen Fachmagazin zu begleiten. Der Standard machte sich rasch einen Namen und wuchs in den Boomzeiten des Internet- und Technologiesektors auf Grund seiner Beliebtheit bei den Werbekunden auf Katalogstärke mit gut 300 Seiten heran. Das Heft schrieb kurzzeitig sogar Profite, was bei jung gegründeten Magazinen äußerst selten vorkommt. Allein im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz auf 140 Millionen US-Dollar, da der Standard mehr Anzeigenseiten verkaufte als Newsweek oder Vanity Fair.

Doch wie so viele exzessiv wachsende Startups, über die das "Newsmagazin der Internet-Ökonomie" durchaus kritisch berichtete, packte den Verlagschef Batelle und seine Berater der Größenwahn. In seiner Heimatstadt San Francisco mietete der Standard Millionenkosten verursachende Büroflächen, die für 600 Leute ausgelegt waren, feierte rauschende Partys und organisierte Konferenzen, zu denen alle Manager aus dem Hightech-Bereich eingeflogen wurden, die Rang und Namen haben. International expandierte der Verlag und gab beispielsweise eine englischsprachige europäische Ausgabe heraus, die allerdings im Frühjahr bereits wieder eingestellt wurde.

Wenig Freunde machten sich die Standard-Manager auch mit ihrem Vorstoß, durch einen Börsengang mehr Unabhängigkeit vom Haupteigentümer und Verlagspartner International Data Group (IDG), einem Branchenblatt-Herausgeber mit Hauptsitz in Boston, zu erlangen. Der Versuch schlug ähnlich wie wenige Jahre zuvor bei Wired angesichts des sich bewölkenden Börsenumfelds fehl, sodass Standard Media doch wieder auf das Wohlwollen von IDG angewiesen war. Das ist angesichts des Einbruchs im Anzeigengeschäft bei allen New-Economy-Blättern, der hierzulande bereits Magazinen wie dem Net-Investor, aber auch etwa Net-Business aus dem Milchstraße-Verlag oder e-Business der Verlagsgruppe Handelsblatt das Genick gebrochen hat, allerdings jetzt aufgebraucht: Amerikanischen Medienberichten zufolge weigerte sich IDG in den letzten Tagen, den Standard an den Tropf zu hängen. Erforderliche Brückenfinanzierungen blieben damit aus.

Die nach mehreren Entlassungsrunden noch übrig gebliebenen 180 Mitarbeiter des Standard traf die Nachricht von der Einstellung des Hefts, für das der Verlag noch einen Käufer sucht und ansonsten Bankrott erklären will, während eines einwöchigen Zwangsurlaubs. Aus dem brauchen sie bis auf knapp 20 Redakteure, die eine rudimentäre Webpublikation mitsamt der Marke am Leben erhalten sollen, jetzt gar nicht mehr zurückkehren. "Das Ende kam dann doch sehr überraschend", berichtet Boris Gröndahl, Leiter des Berliner Büros des Standard. Dass die Finanzlage derart eng gewesen sei, hätten die Mitarbeiter nie von offizieller Seite erfahren.

Eingestellt wird zusammen mit dem Standard auch der von ihm gesponserte "Media Grok", eine per E-Mail versandte tägliche Presseschau rund um die Netzwirtschaft, die sich wegen der süffisanten Kommentare ihrer Autoren zahlreiche Fans weltweit erworben hatte. Jimmy Guterman, der den Grok betreute, sucht momentan allerdings nach Mitteln und Wegen, um eine Neuauflage zu ermöglichen. (Stefan Krempl) / (jk)