Mitdenken per Internet
Wie bei anderen fantastischen Technologien, die aus der Science Fiction in die Realität herabgestiege sind, zeigt sich auch bei der Telepathie: Es ist nicht ganz so einfach wie gedacht.
- Peter Glaser
In den Neunzigerjahren streckte das Internet seine Fühler auch in das afrikanische Mali aus. Angesichts eines hohen Anteils an Analphabeten in der Bevölkerung – er lag 2015 immer noch bei 61,3 Prozent – entwickelten Wissenschaftler an der Universität der Hauptstadt Bamako ein visuelles Zeichensystem, das auf traditionellen Symbolen der ethnischen Gruppen im Land basierte. Damit wurde nebenbei auch vorstellbar, dass ganze Kulturräume auf die geschriebene Sprache verzichten könnten, ohne ihre Zukunftsfähigkeit zu verlieren. Virtual Reality (VR) und KI-Produkte, mit denen man immer differenziertere Dialoge führen kann, lösten die nächsten Attacken auf die vermeintliche Unverzichtbarkeit der Sprache aus. Zwar möchte man manchmal meinen, dass es sich bei VR und Konsorten um immer intelligentere Technik für immer dümmere Nutzer handelt. Aber die Veränderung ist bereits in den Alltag eingesunken.
Nun kommt die aktuelle Version des Gedankenlesens dazu. Bereits 2013 hatte ein Forscherteam um Rajesh P. N. Rao, Direktor des Zentrums für Neurotechnologie an der University of Washington in Seattle erstmals elektronisch aufgezeichnete Gehirnsignale sowie eine Form magnetischer Stimulation genutzt, um ein Gedankensignal an den Kognitionspsychologen Andrea Stocco zu schicken, der in einem Raum auf der anderen Seite des Campus saß und durch das Signal veranlaßt wurde, eine bestimmte Taste auf seiner Tastatur zu drücken. "Das Internet war eine Möglichkeit, Computer miteinander zu verbinden, und jetzt haben wir die Möglichkeit, damit Gehirne miteinander zu verbinden", sagt Stocco.
Das kann weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Interaktion haben. Im April letzten Jahres publizierte die Gruppe die bisher fortgeschrittenste Version der Umsetzung ihres Konzepts: BrainNet (A Multi-Person Brain-to-Brain Interface for Direct Collaboration Between Brains) ist einer der ersten Prototypen einer Hirn-Hirn-Schnittstelle für Menschen. Die beteiligten Gehirne werden unterschieden in (bewegungslos konzentrierte) "Sender" und "Empfänger", denen ein unfreiwilligen Muskelzucken zugestellt wird. Zusammen bilden sie ein verteiltes System, das durch Leitungen statt durch Worte miteinander verbunden ist. Können Informationen, die im Gehirn vorhanden sind, direkt in Form des neuronalen Codes übertragen werden, unter Umgehung der Sprache? (Wobei der Begriff "Gedankenlesen" ein wenig gedankenlos verwendet wird, denn er betrifft nur diesen beschränkten Bereich der Gedanken: ausformulierte Sprache).
Bemerkenswerter Weise folgen die meisten aktuellen Prototypen von Hirn-Hirn-Schnittstellen einem autoritären Drehbuch. Die Sender können nicht wählen, welche Aspekte ihrer Hirnaktivität übertragen werden sollen, und die Empfänger haben nicht die Freiheit, über eingehende Signale zu entscheiden – was eher einer physischen Manipulation gleicht als freier Kommunikation. Es handelt sich um eine Interaktion ohne Selektions- und Verhandlungsmöglichkeiten, die die individuelle Handlungsfähigkeit auf eine Weise reduziert, die Begriffe wie "entmenschlichend" wachruft. Es ist die Sprache, die aus uns Menschen macht. Sie ist nicht nur ein Informationskanal, sondern auch die uns eigene Art, soziales Handeln zu organisieren. Wir könnten versuchen, sie gegen eine physische Verbindung mit hoher Bandbreite auszutauschen, um den Informationsfluss für einige Arten von Information zu optimieren. Aber wir würden einen hohen Preis dafür bezahlen, wenn wir die Infrastruktur beseitigen, die menschliches Sozialleben erst möglich macht.
BrainNet enthält bereits eine einfache Form von Verhandlungsmöglichkeit als Feedback-Schleife, mit deren Hilfe sich etwa Mißverständnisse aufklären lassen. Diese Option verändert die Natur des Systems radikal und weist damit auf genau die Art von Hin-und-Her, die natürliche Sprachen so flexibel und fehlerrobust macht. Da Input-Output-Systeme immer vielseitiger werden und höhere Datenraten ermöglichen, lassen sich ähnliche Fortschritte auch an der Selektionsfront erwarten. Ein breiteres Spektrum an Auswahlmöglichkeiten impliziert natürlich unweigerlich auch mehr Freiheitsgrade bei der Interpretation und mehr Raum für Mehrdeutigkeit. Damit schließt sich der Kreis zu so etwas wie Sprache. Schon bald würden wir den vielfältigen Gebrauch von Mehrdeutigkeiten wiederentdecken, als auch die vergnügliche Möglichkeit, die angefangenen Sätze eines Gesprächspartners beenden zu können.
Die Schlussfolgerung ist ebenso paradox wie optimistisch. Wenn wir die Schnittstellen zwischen Gehirn und Gehirn verfeinern, um ihr Potenzial für Teamwork zu erhöhen, zeigt sich, dass die Sprache – genau das, was man zu umgehen versuchte – durch die Hintertür wieder hereinspaziert. Es ist gut möglich, dass es selbst im Substrat der Hirn-Hirn-Schnittstellen ein sprachähnliches System zur Kommunikation und Koordination geben wird.
In Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis" wird über den Fall des Belcerebon-Volkes von Kakrafoon berichtet, dem von einem galaktischen Tribunal "die grausamste aller sozialen Krankheiten, die Telepathie" zugefügt wurde. Eine Strafe mit unvorhersehbaren Folgen. "Um zu verhindern, dass sie jeden noch so kleinen Gedanken, der ihnen in den Sinn kommt, von sich geben ... müssen sie nun sehr laut und kontinuierlich über das Wetter, ihre kleinen Wehwehchen, das Spiel heute Nachmittag und darüber reden, was für ein lauter Ort Kakrafoon plötzlich geworden ist."
(bsc)