Bauchwissen statt Buchwissen
Hat Dr. Google die Herrschaft ĂĽber das angetreten, was wir fĂĽr richtig und falsch halten?
- Peter Glaser
Die Epoche, die wir durchschreiten, wird nun doch nicht Informationszeitalter heißen. Information sollte die Welt retten oder immerhin deutlich verbessern. Aber ganz so einfach ist es doch nicht. Wer erinnert sich noch an den Info-Broker, einen der heißesten Zukunftsberufe der Neunziger? Ein Mensch, der mehrere Retrieval-Sprachen zur Abfrage von Datenbanken so flüssig beherrschte wie ein altägyptischer Hohepriester seine Mysterien. Der Info-Broker ist spurlos verschwunden; wegdemokratisiert. Dank Google brokert heute jeder selbst. Und da werden nun nicht nur Probleme durch Information behoben, sondern ganz neue Probleme sprudeln hervor – und das in einem Ausmaß, das zuvor nicht absehbar war oder in der ersten Internet-Euphorie nicht gesehen werden wollte.
So hört man heute Ärzte auf der ganzen Welt klagen, dass sie nicht nur gegen das Coronavirus kämpfen, sondern auch gegen eine anschwellende, nicht enden wollende geistige Geißel, die im Schatten der Pandemie wuchert: Fehlinformation über die Krankheit, die Patienten wie auch ängstlichen gesunden Menschen schwere Schäden zufügen kann. Bereits vor der Pandemie hatten sich Ärzte daran gewöhnt, mit Patienten umzugehen, die durch Online-Informationen irregeführt werden oder glauben, ein Instant-Medizinstudium eingeatmet zu haben. Das Phänomen wird in den USA, wo Arztbesuche und damit auch zuverlässige medizinische Information eher ein Luxus sind, als Dr. Google bezeichnet.
Einer jüngst im Amerikanischen Journal für Tropenmedizin und Hygiene veröffentlichten Studie zufolge hat das Benebelungsvolumen im Zusammenhang mit dem Virus ein atemberaubendes Ausmaß angenommen. Analog zur Pandemie sprechen die Forscher von einer Infodemie und werfen Weltherrshern wie US-Präsident Trump vor, krause Theorien zu bestärken; den sozialen Medien, nicht genug für die Beseitigung falscher Tatsachenbehauptungen auf ihren Plattformen zu tun; und all den vernunftbegabten Individuen auf diesem Planeten, viel zu schnell zu glauben, was ihnen online präsentiert wird. Den Erhebungen zufolge starben in den ersten drei Monaten des Jahres allein mindestens 800 Menschen – und Tausende weitere landeten im Krankenhaus –, nachdem sie online unbegründeten Behauptungen Glauben geschenkt hatten, dass die Einnahme von hochkonzentriertem Alkohol das Virus abtöten würde.
Warum verhalten Menschen sich wie im globalen Doof und weisen – um gar nicht erst unbescheiden von Wahrheiten zu sprechen – auch schlichte, belegbare Tatsachen von sich? Um ihre Andy-Warhol-Viertelstunde an Ruhm einzufordern? Um das zeitgemäße Erscheinungsbild des Besserwissers zu perfektionieren? Um das zu tun, was nach KI-Vordenkern wie Minsky oder Moravec die letzte verbleibende Aufgabe des Menschen in einem evolutionären Geschehen sein wird, das längst von Übermenschmaschinen fortgeführt wird, nämlich: noch etwas Chaos ins System zu bringen, um sein Erstarren in algorithmischer Perfektion zu verhindern? Ist, mit einem Wort, das Projekt der Aufklärung gescheitert? Bauchwissen statt Buchwissen?
Vieles scheint dafür zu sprechen, es muss aber keineswegs so sein. Ich schöpfe Hoffnung unter anderem aus den bemerkenswerten Ähnlichkeiten der Biografien von Sir Flinders Petrie (1853 – 1942), einem der Begründer der modernen Ägyptologe, und der eines der heutigen Fackelträger der Tradition, des amerikanischen Ägyptologen Mark Lehner – zweier Personen, die zeigen, wie ein gegen sich selbst ehrlicher Erkenntniswille nicht nur ein Leben, sondern auch unser befestigtes Wissen über die Welt verändern kann.
Petrie besuchte nie eine reguläre Schule, wurde von Familienmitgliedern unterrichtet und war begeisterter Autodidakt, also ein Mensch, der, wenn auch unsystematisch, zahlreichen Interessen folgt. Was zeigt, dass Wissenschaftlichkeit sehr unterschiedliche Formen annehmen kann und auch Amateure eine Chance haben: Mit 39 wurde Flinders Petrie der erste Gelehrte Großbritanniens, der ohne Studium und abgeschlossene Schulbildung eine Professur am University College London erhielt. Sein Vater war von der Theorie des schottischen Astronomen und Esoterikers Piazzi Smyth überzeugt, derzufolge das britische Zoll eine ursprünglich altägyptische Maßeinheit war, die man im Lichte des Alten Testaments quasi als gottgegeben ansehen konnte. Bekannt wurde Smyth auch durch seine Vermessungsarbeiten an der Cheops-Pyramide, aus denen er abzulesen glaubte, dass in ihren Abmessungen allerlei mystische Informationen und Prophezeihungen verborgen waren. Petries Vater war Landvermesser und hatte dem Sohn die Liebe zur Genauigkeit in die Wiege gelegt. 1880 reiste Petrie nach Ägypten, um den Beweis für die Richtigkeit der Theorie von Smyth anzutreten und vermaß die Pyramiden so präzise wie vor ihm noch keiner. Damit konnte er die Theorie allerdings nur widerlegen. Und tat es.
Sämtliche modernen Verschwörungstheorien können einpacken, wenn die Pyramiden von Gizeh und die Sphinx die Bühne betreten. Einige der Theorien grenzen an das Phantastische, viele überschreiten diese Schwelle ohne Mühe. Mark Lehner, 1950 in North Dakota geboren, heute eine lebende Legende der Ägyptologie, reiste erstmals 1972 in das Land, dem er sein Leben widmen sollte. Damals war er Anhänger der Ideen des "schlafenden Propheten" Edgar Cayce, der in Trance-Sitzungen behauptete, ihre Kultur und Technik wäre den alten Ägyptern von den Bewohnern Atlantis anvertraut worden. Unterstützt von der 1931 gegründeten Edgar Cauce Association for Research and Enlightenment, begann Lehner an der American University in Kairo ein Studium der Ägyptologie. Er sollte, so die Absicht, die Visionen von Cayce wissenschftlich wasserdicht machen. Aber auch Lehner fiel, wie vor ihm schon Flinders Petrie, im Dienst der Vernunft von seinem Meister ab. Wie sein Freund Zahi Hawass, nachmals Direktor der ägyptischen Altertümerverwaltung, erzählt, habe ihm Lehner 1977 auf dem Weg zu einer Party gestanden, dass er nicht mehr an die Theorien von Cayce glaube: "Jetzt, nachdem ich Ägyptologie studiert habe, sehe ich überzeugende Beweise dafür, dass die Sphinx eine Schöpfung der vierten Dynastie [um 2500 v. Chr.] war und nicht 10.000 Jahre alt ist, wie Cayce behauptet".
Wobei Hawass und Lehner ein geradezu bilderbuchhaftes Gegensatzpaar sind. Auf der einen Seite Zawi Hawass, der sich mit mächtig Vergnügen in jeden Medienrummel stürzt, die Rückgabe der Nofretete fordert und dem Orchideenfach Ägyptologie weltweit beachtliche Aufmerksamkeit verschafft hat. Auf der anderen Seite Mark Lehner, konvertiert zur klassischen Wissenschaft auf dem jeweils modernsten technischen Stand – derzeit vermittels Photogrammetrie –, ein ruhiger Mann, der tatsächlich eher an seinen Ausgrabungen interessiert zu sein scheint, als an irgendwelchem numerologischen Quatsch. Gemeinsam geben sie ein gute Bild ab für das Ringen um den richtigen Blick auf die Wirklichkeit. Wenn ein Wissenschaftler nach 30 Jahren Knochenarbeit seine beweisbaren Erkenntnisse vorlegt, muß das nicht unbedingt ein donnerndes Spektakel zur Folge haben. Wenn dann noch jemand darüber lacht und behauptet, die Cheopspyramide sei in Wirklichkeit eine Landemarkierung für Captain Ashtars rosarote Ufoflotte, hat er mit Sicherheit ein Buch zu verkaufen. Die Verrückten haben immer die besseren Geschichten, aber die sind etwas für Anfänger. Glauben ist einfach. Wissen ist eine Herausforderung.
(bsc)