Der Nutzen der Corona-Warn-App bleibt zweifelhaft
Deutschland hat seine gefeierte App. Eine App zu haben reicht aber nicht, damit sie wirkt, muss sie Reichweite bekommen.
Irgendwie scheint Covid-19 im Alltag seinen Schrecken verloren zu haben. Im Supermarkt werden Kunden auch ohne Einkaufswagen abkassiert – vor wenigen Wochen noch undenkbar. Die Masken rutschen bei immer mehr Mitmenschen unter die Nase. Beim Restaurantbesuch am Wochenende – das erste Mal seit Monaten wieder die beste Pizza nördlich von Italien – hat niemand nach unserem Namen oder der Telefonnummer gefragt. In den Gärten unserer Nachbarn stehen Partyzelte und die Hemmung mal eben auf Besuch irgendwo vorbei zu huschen scheint ganz verschwunden. Allein am vergangenen Wochenende wurden mir drei Hände gereicht.
Dabei wird es in der nächsten Zeit durchaus heikel an der Corona-Front. Die Zahlen steigen, das zeigt ein kurzer Blick auf die Statistik des Robert-Koch-Instituts und das lässt sich inzwischen auch nicht mehr schönrechnen. Das ist in Kombination mit einem mehr als sorglosen Umgang im Alltag ein offenes Scheunentor für das Virus.
Dazu kommt: Bei uns öffnet am Donnerstag die Schule wieder und das große landkreisübergreifende Virenaustauschprogramm startet in die neue Infektionssaison. Hygienekonzept für den Schulstart? Gibt es. Klingt auf dem Papier auch gut. Das für den Supermarkt klingt auch gut. Wäre da nicht der Typ, der es an der Kühltheke eilig hat, sich über mich beugt und dabei heftig über den oberen Rand seiner Maske niest... Und die Idee, dass alle gefahrlos die Gastronomen ihrer Wahl unterstützen können, weil alle Anwesenden dokumentiert werden, ist auch super.
Aber wir haben ja die Corona-Warn-App. Die Idee ist auch gut – wie die Sache mit dem Einkaufswagen, der Maske und den Restaurant-Listen. Ich habe sie wenige Tage nachdem sie herausgekommen ist, auf mein Telefon geladen. Ich trage mein Telefon immer brav bei mir und schaue auch regelmäßig nach, ob sie immer noch grün für geringes Risiko anzeigt.
Wir Deutschen wurden international für unsere tolle App gelobt und sie gilt als Erfolg. Aber was sagt mir mein beruhigend grünes geringes Risiko eigentlich wirklich? Genaugenommen nichts. Etwas mehr als 17 Millionen Menschen haben die App heruntergeladen. Geladen heißt aber noch nicht, dass sie auch auf allen Telefonen aktiv ist. Gert Wagner, Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen fand gegenüber der „Welt am Sonntag“ deutliche Worte: „Rein rechnerisch liegt bei einem Kontakt eines Infizierten mit einem Unbekannten die Wahrscheinlichkeit, dass beide Personen die App haben, bei 6 Prozent.“ Selbst wenn sich die Zahl der Nutzer noch verdoppeln würde, würde gerade einmal ein Viertel der Infektionen aufgedeckt.
Aber weshalb sollte sich die Zahl der Nutzer jetzt noch verdoppeln? Gefühlt ist, seit die App fertig geworden ist, die Luft raus. Ich sehe keine Werbung dafür, mir drängt sich keine staatliche Überzeugungsarbeit auf. Es gibt die App, das muss reichen? Schade. Umfangreiche Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit könnten sicher noch einige animieren, sie herunter zu laden. Und auch die eine oder andere Nachbesserung würde ihr sicher nicht schaden – so zum Beispiel eine Lösung für die Frage: Was tut man, wenn man sich positiv-getestet gemeldet hat und wieder gesund ist? Die App löschen, in der Hoffnung, dass man immun ist? Einen „ich-bin-wieder-gesund“-Knopf gibt es nicht.
(bsc)