Das Kaum-Zeit-Kontinuum

Bizarre Folgeerscheinungen wissenschaftlicher Annahmen lassen sich durch die Einführung einer neuen Dimension besser und unkomplizierter erklären.

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Von
  • Peter Glaser

Während die Physik uns mit Phänomenen erstaunt, die nicht einmal Physiker so recht zu erklären vermögen – man denke etwa an die sogenannte Nichtlokalität, bei der die beiden Teile eines Teilchenpaars viele Lichtjahre voneinander entfernt sein können und das eine Teilchen augenblicklich weiß, wie sich das andere verhält, obwohl es laut Einstein keine Kommunikation schneller als Lichtgeschwindigkeit gibt –, liefert der Alltag manchmal ebenso erstaunliche, aber pragmatische Belege für derlei gewagte theoretische Konstrukte.

Nachdem mein alter Provider mich mehrere Wochen lang ohne Fernsehen, ohne Festnetz und ohne Internet hängen gelassen hatte (moderner Haushalt, alles via IP) und die Frage nach der Ursache stets nur mit "Es liegt nicht an Ihnen" beantwortet wurde, wechselte ich den Anbieter. Zwei Tage nach meinem Online-Antrag klingelte es an der Tür: "Hallo, wir bringen das Internet". Ich war hocherfreut, wenn auch überrascht, die Techniker meines neuen Providers hereinbitten zu dürfen.

Die Vorankündigung, dass sich die Monteure bei mir melden würden, hatte ich weitere zwei Tage später im Briefkasten. Die Jungs waren schnell als Superman, und das ohne Besteigung der höheren Mathematik ohne Sauerstoffgerät. Mit solchen wissenschaftlichen Beobachtungen bin ich nicht allein. "Unser Azubi", schreibt eine erstaunte Twitterin, "hat einen Brief vom Gesundheitsamt erhalten, Datum des Schreibens: 26.06.2020, mit der Info, dass sie vom 15.06.-29.06.2020 in häuslicher Quarantäne bleiben soll."

Wie wir bereits aus dem Film Superman III wissen, kann der klassische Superheld auch ohne die Hilfe irrer Wissenschaftler die Zeit rückabwickeln, indem er die Erde auf Höhe des Äquators entgegen dem Uhrzeigersinn mit Höchstgeschwindigkeit umfliegt (Wobei Kritiker einwenden, er habe das nur getan, um in der Vergangenheit jemanden zu finden, der den schlechten Film doch noch irgendwie rausreissen kann).

Und nicht nur Superman, auch der Weihnachtsmann soll unglaublich schnell sein. Ich finde das fraglich. Um am Weihnachtsabend sämtliche Geschenke an sämtliche Kinder zuzustellen, müßte sich der Weihnachtsmann mit einer Geschwindigkeit bewegen, bei der er durch die Luftreibungshitze verdampfen würde. Physiker sind der Ansicht, dass der Weihnachtsmann mit einem sogenannten Ionen-Schild aus geladenen Teilchen dagegen angeht. Sie werden durch ein Magnetfeld zusammengehalten, das seinen Schlitten umgibt, und weisen die Hitze ab.

Theoretische Physiker weisen darauf hin, dass der Weihnachtsmann möglicherweise gar nicht durch unser vierdimensionales Kontinuum reist. Die aktuelle Theorie über den Zustand des Universums erlaubt bis zu 26 Dimensionen, und je mehr Dimensionen, desto schneller lassen sich Geschenke verteilen. Nebenbei muß man sich mal überlegen, was in den überzähligen Dimensionen noch an Parkplätzen frei ist.

Dazu kommt, dass es inzwischen mehr Menschen als jemals zuvor und also auch viel mehr brave Kinder gibt, dadurch auch viel mehr Geschenke und dadurch wiederum viel mehr Luftwiderstand, den der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten zu überwinden hat – und eine Menge mehr an Reibungswärme, die dadurch entsteht. Inspiriert von US-Präsident Donald Trump vermuten Klimaforscher, dass die Erderwärmung mit dieser zusätzlich abgestrahlten Hitze zu tun hat.

"Der Grund für die zunehmenden Nervenkrankheiten liegt in den zunehmenden Anforderungen des modernen Lebens an das Gehirn", wußte der amerikanische Arzt George Frederick Shrady Sr. bereits 1896 ("Are Nervous Diseases Incrasing?"), "Alles wird in Eile verrichtet. Wir sprechen über den ganzen Kontinent hinweg, telegraphieren über den Ozean, reisen nach Chicago für ein Gespräch, das eine Stunde dauert. ... Wen wundert's, dass dieser Druck höher ist als ihn unsere Nerven vertragen können."

(bsc)